DIE ZEIT |
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Als Ausdruck tiefer Tierliebe eigentlich naheliegend: Beim gemeinsamen Tanzen sollen sich in Tübingen Hund und Mensch noch näher kommen Thomas Ramge Die Jagdhunddame Maggie liebt den Freischütz. Besonders den Jägerchor, mit den Waldhörnern. Deren Klang kennt sie schon von zahlreichen Jagdausflügen mit Herrchen am Wochenende. Maggie hat schon verstanden: Hier, auf dem Übungsplatz der Tübinger Hundeschule, fordern die Hörner nicht Auf, auf zum fröhlichen Jagen, sondern zum Tanz mit Chantal Ratz, ihrem Frauchen. Die Tanzfläche ist mit gehäckselten Baumrinden bestreut. Maggie, mit grünem Halstuch verziert, steht dicht neben Chantal, die eine grüne Lodenjacke und einen Försterhut trägt. Hund und Frauchen schauen konzentriert geradeaus. Die Freischütz-Fanfaren heben an, los geht's im rhythmischen Gleichschritt. Nach drei Metern setzt der Chor ein: "Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen, wem sprudelt der Becher des Lebens so reich?" Zeit für die erste Pirouette. Maggie rechts herum, Chantal links herum. Dann das Ganze umgekehrt und zurück in den Gleichschritt. Nächste Drehung: Diesmal kreist Maggie um Chantal. Stopp. Kurzes Intermezzo und wieder der Chor: "Den Hirsch zu verfolgen durch Dickicht und Teich." Maggie kriecht zwischen Chantals Beine. Sie gehen gemeinsam rückwärts. Rück, Rück, Stopp. Rolle seitwärts. Dann wieder die Hörner, Schlussakkord und - hops!, Maggie landet in Frauchens ausgebreiteten Armen. Zur Belohnung gibt es am Ende der Kür eine Blutwurstscheibe und den Beifall der sechs Kurskolleginnen. Maggie scheint beides zu gefallen. Und Chantal Ratz kann alles erklären: "Durch Dogdance bekomme ich eine viel intensivere Bindung zu meinem Hund," sagt sie, "da ist es mir egal, wenn sich irgendjemand über uns lustig macht." Etwa 200 Hundeliebhaber tanzen zurzeit in deutschen Vereinen und Hundeschulen mit ihren Vierbeinern. Und das scheint erst der Auftakt zu sein: Die Hundesportvariante Dogdance - in Amerika Ende der achtziger Jahre erfunden und dort mittlerweile weit verbreitet - fasst auch in Deutschland immer stärker Fuß. Für Anfängerkurse gibt es in den wenigen Hundeschulen, die Dogdance anbieten, inzwischen Wartelisten. Bald sollen nach amerikanischem Vorbild auch in Deutschland erste Tanzwettbewerbe ausgerichtet werden. Mag der Tanz mit dem Hund zunächst aussehen wie ein Scherz exzentrischer Hundenarren: Er hat tatsächlich einen tierpädagogischen Hintergrund. Gelangweilte Schoßhunde sollen durch die Tanzkunststückchen geistig gefordert werden und dadurch Aggressionen abbauen. Außerdem ist Dogdance Gerhorsamkeitstraining: Tanzende Hunde gehorchen ihren Herrchen auch außerhalb der Tanzarena. Nicole Kammerer, 32, hat Dogdance nach Tübingen gebracht. Die studierte Tierpsychologin eröffnete 1995 die erste kommerzielle Hundeschule im Großraum Stuttgart. Seit Anfang dieses Jahres bietet Kammerer auch Kurse im Hundetanz an. "Dogdance ist der erste Hundesport, der Raum für Individualität und Kreativität lässt", sagt sie. Ihre Kursteilnehmer sind entsprechend Hundehalter und, vor allem, Hundehalterinnen, die ihre Tiere zwar ausbilden wollen, denen jedoch die klassischen Hundesportarten wie Schutzhundtraining oder Fährtenarbeit mit zu viel starrem Drill verbunden sind. Beim Dogdance soll stets der Hund im Mittelpunkt stehen. Er absolviert möglichst synchron zu den Tanzbewegungen des Menschen kleine Kunststücke: Slalom durch die Beine, Drehungen, Rückwärtsgehen, Heranrobben, einen Sprung durch zum Kreis geformte Arme. Abgestimmt auf die Musik, ergeben die Kunststücke eine Art Choreografie. Eine Kür dauert drei Minuten. Im Training dazu wird dem Hund Schritt für Schritt beigebracht, wie er auf welche Tanzbewegung reagieren soll, die Musik bietet ihm eine zusätzliche Orientierungshilfe - Hunde hören ja bekanntlich sehr gut. Wie beim Dressurreiten sollen Zwei- und Vierbeiner zur Einheit verschmelzen. Erste Erfolge, zum Beispiel eine Drehung um die eigene Achse, erreichen clevere Hunde schon nach wenigen Übungsstunden, zur wettbewerbsfähigen Kür sind mindestens sechs Monate harter Trainingsarbeit erforderlich. An diesem Samstagnachmittag haben sich sieben Hunde samt Halterinnen zum Anfängerkurs in Kammerers Schule eingefunden. Leichter Nieselregen benetzt das Fell der Tiere. Der Stimmung der Hunde schadet das nicht: Shelty Vivien und Langhaarterrier Benny nutzen die Pause zum Raufen. Auch Joschka will mitmischen, kriegt aber sofort eins auf die Nase und schaltet beleidigt auf Jaul-Modus. Schluss jetzt mit lustig! Kammerer legt eine neue CD auf: Bravo Superschau 2001 steht auf der Hülle. Modern Talking stampft los mit dem Song Win the Race - bei den simplen Eurobeats sollte auch der unmusikalischste Hund den Takt halten können. Die Trainerin übernimmt das Kommando: "Alle bei Fuß, im Rhythmus gehen, und drehen, und drehen." Im Abstand von zwei Metern paradieren Hunde und Frauchen nebeneinanderher. Zur Drehung kreisen die Hundeführerinnen vor der Schnauze der Tiere mit dem Arm. Der Hund folgt der Bewegung und wirbelt um die eigene Achse. "Tina, nicht nach innen drehen, sonst verliert der Hund die Orientierung!" Tina bewegt den Arm in gegenseitiger Richtung. Ihr Mischling, der mit seinen großen Ohren an einen vollschlanken Wüstenfuchs in Silbergrau erinnert, will es nicht gleich kapieren. Fast stolpert er über die eigenen Pfoten. Im Anfängerkurs verschmelzen Mensch und Hund noch selten zur Einheit. Beim Tanz mit dem Hund ist aber auch der Weg über die Tanzfläche das Ziel: eine Beschäftigungstherapie, die Spaß machen soll - vor allem den chronisch unterforderten Hunden. Fast alle Hunderassen sind vom Menschen als Nutztiere gezüchtet und deshalb mit bestimmten Trieben ausgestattet. Der Schäferhund möchte Haus und Hof bewachen, der Terrier jagen, der Hütehund eine Herde zusammenhalten. Als Familienhunde, mögen sie auch noch so liebevoll verhätschelt werden, langweilen sich die Tiere dumm und dämlich. Gassi gehen, egal wie oft oder wie lang - damit ist hündische Intelligenz noch lange nicht bedient. Werden Schutz-, Jagd- oder Hütetrieb nicht befriedigt, kommt es zum Triebstau und damit bei vielen Hunden zu Aggression oder Apathie. Dogdance soll gegensteuern, indem er den Hund nicht nur körperlich, sondern auch mental fordert. Als besonders talentierte Tänzer gelten Bordercollies, Schäferhunde und Dobermänner. "Alle Hunde können mitmachen, wenn sie ein Mindestmaß an Gehorsam mitbringen und Spaß an den Übungen signalisieren", sagt Nicole Kammerer. Sogar polizeilich bekannte Kampfhunde bekommen hier eine Chance: Im Tübinger Kurs ist seit kurzem auch ein Staffordshire Terrier namens Ruby vertreten. "Beim Tanz lernen die Hunde, jedem Zeichen zu folgen. Das überträgt sich auch auf ihr Verhalten im Alltag", sagt Uta Friedrich. Sie ist im örtlichen Tierschutzverein engagiert und hat die von der Polizei eingezogene Kampfhundwelpe adoptiert. Ruby macht brav ihre Pirouette und wirkt gleich viel weniger bedrohlich. Monika Kramer diskutiert derweil mit den Kolleginnen, welche Musik für ihre erste Kür mit Aliko passen könnte. Aliko, ein Rhodesian Ridgeback, trägt ein fröhliches buntes Halsband, das Monika Kramer von einem Flohmarkt in Johannesburg mitgebracht hat. Zu gerne würde sie einen Walzer aus dem Jenseits von Afrika-Soundtrack zum Einsatz bringen. Das Dumme ist nur: Aliko wiegt 44 Kilo und hat die Größe eines Fohlens. "Ein leichter Walzer entspricht einfach nicht seinem natürlichen Rhythmus", muss Kramer enttäuscht eingestehen. Bei der Musikauswahl zum artübergreifenden Pas de deux muss sich der Mensch nun mal nach dem Hund richten. Bei großen, schwerfälligen Tieren bieten sich getragene Rhythmen an, ein quirliger Spitz findet eher bei Hardrock den richtigen Tritt. Von Klassik bis Techno ist beim Dogdance alles zu hören. "Man sollte das Stück unbedingt selbst mögen", rät Trainerin Kammerer, "denn bis eine Kür aufführungsreif ist, hat man ja auch selbst zwei- bis dreihundert Mal dazu getanzt." Und schon bollert Win the Race wieder los. Die Hunde stellen sich, ohne zu protestieren, mit ihren Frauchen in einer Reihe auf. Den Vorwurf, beim Dogdance würden Hunde vermenschlicht, lässt Nicole Kammerer nicht gelten. "Die Tiere lernen spielerisch, ihren Besitzern zu gehorchen. Das entspricht ihrem Naturell." Das sei wie beim Dressurreiten. Die Grenze des artgerechten Umgangs wird für Kammerer dann überschritten, wenn der Hund nicht mehr aus Spaß an der Sache auf der Tanzfläche kreist, wenn er also aus Angst vor Bestrafung den Anweisungen folgt. Der Fachjargon der Tierpsychologie spricht hier von "Meidemotivation". Bei so genannten agility-Wettbewerben, bei denen Hunde in Bestzeit über Hürden springen müssen, soll bereits wie bei Springpferden gebarrt werden: Hüpft der Hund nicht hoch genug, haut Herrchen ihm mit der Stange auf die Vorderpfoten. Beim nächsten Mal klappt es dann besser. "Vor krankem Ehrgeiz sind auch Hundesportler nicht gefeit", gibt Kammerer zu. Schwarze Schafe gebe es halt in allen Sportarten. Der Deutsche Tierschutzbund sieht das ähnlich. "Intelligente Hunderassen suchen die Herausforderung", sagt Pressesprecher Thomas Schröder. Gleichwohl warnen die Tierschützer vor menschlicher Egozentrik. Das Tier dürfe nicht benutzt werden, um Herrchens Ego zu stärken nach dem Motto: "Schaut her, was mein Hund Tolles kann - und was für ein toller Kerl ich bin!" Die sieben Damen, die gerade in Tübingen den Dogdance üben, vermitteln nicht den Eindruck, dass sie ihren Lieblingen ein Haar krümmen könnten. Motiviert wird mit der Fleischwurst, der Klaps auf den Hintern ist verpönt. Noch hält sich allerdings auch der Leistungsdruck in Grenzen: Hundetanzturniere gibt es in Deutschland bislang nicht, das nötige Regelwerk hat der zuständige Verband für das Deutsche Hundewesen noch nicht beschlossen. Doch Nicole Kammerer ist sich sicher: "In einem Jahr wird man so weit sein." In Deutschland hinke man im Hundesport halt immer ein wenig hinterher. Für ihre nächsten Anfängerkurse haben sich immerhin bereits 30 Interessenten angemeldet. Die Tierpsychologin prophezeit: "Dogdance wird auch in Deutschland groß. Sehr groß. Glauben Sie mir." |
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