brand eins
Januar 2009

Design für die anderen 90 Prozent

Gestalter können mehr, als Produkte schöner zu machen - sie können Leben retten.
Wie, zeigt eine Wanderausstellung.
Ein Gespräch über einfache Lösungen für große Probleme mit der Kuratorin Cynthia Smith.

brand eins: Was ist die Idee Ihrer Ausstellung?

Cynthia Smith: Von den mehr als sechs Milliarden Menschen auf der Welt haben 90 Prozent wenig oder gar keinen Zugang zu den Produkten und Dienstleistungen, die für viele von uns selbstverständlich sind. Die Hälfte hat nicht einmal regelmäßigen Zugang zu Essen, sauberem Wasser oder einem Dach über den Kopf. Mit unserer Ausstellung wollen wir einer wachsenden Gruppe von Designern eine Plattform bieten, die preisgünstige Lösungen für diese Probleme erarbeiten.

Nach welchen Kriterien wurden Ausstellungsstücke ausgesucht?

Wir wollten nicht nur die Produkte als solche zeigen, sondern auch die Ideen, mit denen der jeweilige Designer an das Projekt herangegangen ist. Jedes der von uns ausgewählten Produkte erzählt eine einzigartige Geschichte. Zum Beispiel die von der Topf-in-Topf-Kühlbox, mit der ein einzelner Ingenieur eine kostengünstige Lösung für den Transport von Gemüse zum Markt gefunden hat. Wichtig war uns, die gesamte Bandbreite der Ansätze zu zeigen, mit denen Gestalter aus der ganzen Welt Armut bekämpfen. Einige versuchen schlicht, Grundbedürfnisse zu befriedigen, andere kümmern sich um die tiefer liegenden Ursachen. Das Ziel, das alle verbindet, ist, das Leben armer Menschen erträglicher zu machen.

Das klingt gut. Funktioniert das auch im größeren Maßstab?

Es gibt viele Beispiele einfachen Designs mit frappierenden Wirkungen. So bekommen mit der Bambus-Trittpumpe selbst sehr arme Landwirten während der Trockenperiode Zugang zum Grundwasser. Die Tritthebel werden aus Bambus oder anderen billigen, verfügbaren Materialien gefertigt. Auch die Pumpe selbst kann vor Ort von Metallwerkstätten hergestellt werden. Sie besteht aus zwei Metallzylindern mit Kolben, die der Arbeiter mit einer natürlichen Bewegung auf den beiden Fußtritten in Gang bringt. Mehr als zwei Millionen der Pumpen wurden verkauft, vor allem in Bangladesch. Dort haben Landwirte dank dieser Technik einen Nettogewinn von 1,4 Milliarden Dollar erwirtschaftet.

Ein anderes Beispiel ist der billige Keramik-Wasserfilter. Er kombiniert die Filtereigenschaften von Keramik mit den antibakteriellen Eigenschaften von kolloidalem Silber. Wo der Filter verwendet wird, sinken die Fälle von Durchfall, durch Krankheit versäumte Schul- und Arbeitstage und Kosten für medizinische Behandlungen dramatisch. Der Soziologe und Töpfer Ron Rivera, von der Organisation Potters for Peace, hat den Filter so weiterentwickelt, dass er leicht kopiert werden kann. Das neuartige Design wurde in der Massenproduktion von 16 kleinen Werkstätten in 14 verschiedenen Ländern standardisiert. Schätzungen zufolge haben mehr als 500 000 Menschen den Filter bereits genutzt.

Dann ist da noch das PermaNet, ein mit einem besonders langlebigem Insektizid behandeltes Moskito-Netz. Es schützt bis zu vier Jahre lang und auch nach 20 Wäschen zuverlässig vor Mücken - fünfmal länger als herkömmliche Netze.

Die Armen repräsentieren zusammen einen riesigen Markt. Warum wurde der bisher vernachlässigt?

Wegen ihrer vermeintlich geringen Kaufkraft. Entscheidende Impulse für ein Umdenken einer wachsenden Zahl von Designern kamen in den vergangenen Jahren in der Tat eher aus den Universitäten und gemeinnützigen Organisationen und nicht vom Markt. Im Jahr 2000 brachten die Millennium-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen Armut und ihre Auswirkungen auf das Leben der Menschen ins öffentliche Bewusstsein. Der Treibstoff der neuen Design-Bewegung gegen Armut sind gute Ideen: Soziale Netzwerke und Partnerschaften zwischen verschiedenen Akteuren haben für ihre Verbreitung gesorgt. Wir erleben jetzt wirklich eine qualitative Veränderung, einen Paradigmenwandel. Wozu der führt, kann man heute noch nicht mit Sicherheit sagen. Aber wir sind davon überzeugt: Die positiven Auswirkungen dieser Bewegung werden alle Erwartungen übertreffen.

Welche Art von Produkten brauchen die Armen der Welt am dringendsten?

Solche, die das Leben konkret und im Kleinen verbessern. Die zentralen Themen sind bessere Gesundheitsversorgung, zuverlässige Energieversorgung, oft aus erneuerbaren Quellen, Bildung, Wasser, Ernährung, Sanitäranlagen und Obdach. Und alle Produkte, mit denen Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen können. Hierzu zählen zum Beispiel Fahrräder, mit denen große Lasten transportiert werden können.

In welcher Hinsicht müssen Designer ihr Denken verändern?

Die Arbeit eines Designers für die anderen 90 Prozent unterscheidet sich nicht grundlegend von der Arbeit für den reichen Teil der Welt: Er hat die Aufgabe, dem Verbraucher einen Mehrwert zu liefern. Besonders wichtig für Menschen in Armut ist allerdings, dass ein neues Produkt oder eine Technik ihm hilft, die eigene Produktivität zu steigern. Die Grenze zwischen privatem und professionellem Gebrauch ist oft fließend. Arme Menschen rechnen genauer nach, ob sich eine Investition in ein Produkt in absehbarer Zeit für sie bezahlt machen kann.

Wie ist die Ausstellung angekommen?

Die Aufmerksamkeit für das Schicksal der Menschen in Armut wächst ganz eindeutig. Das zeigt sich auch in der Resonanz auf diese Ausstellung, die überwältigend war. Menschen aus allen Sphären - Geschäftsleute, Designer, Ingenieure, Banker, Entwicklungsexperten, Wissenschaftler, Architekten und Mitarbeiter des öffentlichen Sektors - sie alle scheinen dringend nach Lösungen für die Armutsbekämpfung zu suchen. Wir haben wirklich das Gefühl, mit unserer Initiative einen Nerv der Zeit getroffen zu haben. Aber die Lage ist auch dramatisch, und die Zahlen sprechen für sich. 1,4 Milliarden Menschen leben von weniger als einem Dollar am Tag. Das ist tödliche Armut. Fast die Hälfte der Menschen in den Entwicklungsländern lebt von weniger als zwei Dollar am Tag, damit kommen sie kaum über die Runden.

Ich hoffe, dass diese Ausstellung vielen die Augen öffnet. Mögen die Geschichten, die sie hier finden, noch mehr Designer, Lehrer, Journalisten und jeden von uns inspirieren. Die einfachen Lösungen, an denen diese Designer aus der ganzen Welt arbeiten, können Leben nicht nur verbessern. Sie können Leben retten.

Nach dem Auftakt im Cooper-Hewitt-Museum für Design in New York ist die Ausstellung nun im Ontario College of Art & Design im kanadischen Toronto zu sehen.
Weitere Informationen: http://other90.cooperhewitt.org