brand eins
Oktober 2008
Geplante Siege
Im Unternehmen gilt der Improvisateur gern als Durchwurstler, dem es an Strategie und Planung fehlt. Und wie ist es im Sport?
Vier Könner ihres Fachs geben Auskunft.
Christoph Metzelder
Zur Person: Der Fußballprofi Christoph Metzelder, Jahrgang 1980, ist gerade mit Real Madrid spanischer Meister und mit der deutschen Nationalmannschaft europäischer Vizemeister geworden. Er machte in seiner Heimatstadt Haltern Abitur, studierte einige Semester an der Fernuniversität Hagen Betriebswirtschaft und ist Mitglied einer katholischen Studentenverbindung. Vergangenes Jahr gründete Metzelder die Stiftung "Zukunft Jugend", die dazu beitragenwill, die Chancen junger Leute in Bildung und Beruf zu verbessern. Die Stiftung verfügt zurzeit über 400 000 Euro Kapital.
brand eins: Herr Metzelder, wie oft muss ein Fußballspieler improvisieren?
Metzelder: Ein Fußballspiel ist im Grunde 90 Minuten Improvisation. Ein Spieler hat zwar eine riesige Menge Erfahrungsdaten auf seiner Festplatte. Aber keine Spielsituation ist exakt so, wie du sie schon einmal erlebt hast. Die Entscheidung in der Spielsituation ist spontan. Sie erfolgt in Sekundenbruchteilen und ist schon deshalb improvisiert.
Aber Sie kennen doch Ihre Gegenspieler sehr gut und stellen sich auf sie ein.
Klar. Als Abwehrspieler schaue ich mir Videos an, studiere die Bewegungen und glaube, meinen Gegenspieler zu kennen. Und dann macht er plötzlich etwas, das er noch nie gemacht hat. Man nennt das dann gern Spielintelligenz, und die hat sehr viel mit der Fähigkeit zu tun, Überraschungsmomente herbeizuführen. Bezogen auf den Begriff Improvisation kann man es aus Sicht eines Abwehrspielers vielleicht so sagen: Der Angriffsspieler, der am besten improvisieren kann, ist am gefährlichsten.
Lässt sich die Fähigkeit zu improvisieren trainieren?
Nicht wirklich. Im Training kannst du hundertmal einen Spielzug üben oder Laufwege einstudieren. Aber im Spiel ist dann eben doch wieder alles anders, und du musst zumindest im Kleinen kreativ sein. In dieser Hinsicht ist der Fußball noch extremer als Schach. Die Situationen kommen einem bekannt vor, aber sie sind eben doch sehr verschieden. Und oft muss ein Spieler improvisieren, um einen kleinen Fehler auszubügeln.
Der moderne Fußball wird immer taktischer. Viele Trainer pochen immer stärker darauf, dass ihre Spielsysteme konsequent über 90 Minuten hinweg umgesetzt werden. Raubt das nicht Spielern die Möglichkeit zur Improvisation?
In der Tat gibt es Bestrebungen, den Fußball planbar zu machen. Jeder Spieler weiß, wo er den Ball hinspielen muss, welchen Laufweg er nehmen oder abschneiden muss, wer wann aufrückt oder welcher Mannschaftsteil sich wann wie verschiebt. Die Mannschaft, die das perfekt beherrscht, ist natürlich im Vorteil. Nur: Durch taktische Disziplin auf beiden Seiten kommt es oft zu Pattsituationen. Und dann sind es gerade wieder die großen Improvisateure, die diese Pattsituation mit überraschenden Aktionen durchbrechen. Indem sie sich plötzlich nicht mehr an die Taktik halten. Fußball wird nie planbar sein. Und in der Offensive ist die Fähigkeit zu improvisieren natürlich von allen Trainern nach wie vor sehr erwünscht.
Sie sind seit sieben Jahren Nationalspieler, haben vier große internationale Turniere gespielt und leben und spielen jetzt in Madrid. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Improvisation auf dem Platz und der Kultur? Die Italiener gelten beispielsweise allgemein als Improvisationskünstler, der italienische Fußball ist aber alles andere als spontan.
In den südlichen Ländern wird insgesamt schon der überraschendere Fußball gespielt. Da muss man nur nach Brasilien schauen. Die Italiener mit ihrem fast übertrieben geordneten Spiel sind da wirklich die Ausnahme. Den traditionellen deutschen, also körperlichen und kampfbetonten Fußball, gibt es nicht mehr, weil er mittlerweile von einer jungen deutschen Generation geprägt wird, die zum Teil auch eine Zuwanderungsgeschichte hat: Miroslav Klose, Piotr Trochowski, Lukas Podolski, Gerald Asamoah, Jermaine Jones, um nur einige zu nennen.
Welcher Fußballer ist Ihrer Einschätzung nach auf der internationalen Fußballbühne zurzeit der beste Improvisateur?
Das ist ganz klar Cristiano Ronaldo, weil er eben wie kein anderer die Fähigkeit besitzt, verfahrene, taktikbeherrschte Spielsituationen mit vollkommen überraschenden Aktionen aufzulösen. Der beste Improvisateur auf dem Platz ist auch der beste Fußballer. So einfach ist das.
Jochen SchümannZur Person: Jochen Schümann, Jahrgang 1954, ist einer der erfolgreichsten Segler aller Zeiten. Der gebürtige Berliner hat drei olympische Goldmedaillen gewonnen. 2003 und 2007 gewann er mit dem Schweizer Alinghi-Team die wichtigste Segelregatta der Welt, den America's Cup. Zurzeit führt er das neu gegründete deutsche Team Platoon und wartet darauf, dass sich die rechtlichen Querelen um den America's Cup bald lösen.brand eins: Herr Schümann, wann muss ein Segler improvisieren?Schümann: Improvisieren heißt für mich, flexibel auf unerwartete Situationen zu reagieren. Und dann nicht die zweit- oder drittbeste Lösung zu finden, sondern die beste. Für uns Segler ist das vermutlich noch wichtiger als für andere Sportler, da wir nicht nur auf unsere Gegner reagieren müssen, sondern auch noch in einem Umfeld agieren, in dem sich die Bedingungen permanent ändern.
Sie meinen Wind und Wellen.Ja, klar. Wir agieren schließlich nicht nur in einem Umfeld mit wechselnden Bedingungen, sondern die wechselnden Bedingungen, also wechselnde Winde, sind die Kraft, die uns antreibt. Flexibles Handeln bei flexiblen Bedingungen, also Improvisieren in einem positiven Sinn, macht beim Segeln den Kern des Erfolgs aus. Das gilt selbst für Reviere, die in dem Ruf stehen, besonders stetige Wetterbedingungen zu haben, wie etwa der Gardasee. Die Windfelder verschieben sich immer ein wenig. Wir segeln nicht in Labors, und insofern lässt sich kein Rennen perfekt planen.
Ist Segeln aber nicht auch ein sehr strategischer Sport?Vor jedem Rennen erarbeiten wir eine genaue Rennstrategie. Aber die kann bereits beim Start obsolet sein. Denn bei uns gibt es keinen festen Startpunkt wie bei den Leichtathleten mit ihren Blöcken. Wir versuchen vor der Startlinie eine für die Rennstrategie günstige Position zu erobern. Nun kann es sein, dass andere die gleiche Idee hatten und günstiger positioniert sind. Dann beginnt das What-if-Spiel. Wenn das und das passieren sollte, machen wir das und das. Und spätestens bei der nächsten Boje geht das What-if-Spiel weiter. Ich kann mich an kein Rennen erinnern, in dem die ursprüngliche Rennstrategie eins zu eins umgesetzt wurde. Wer das versucht, dürfte nie unter den ersten zehn landen, das entspricht nicht der Natur des Segelsports. Der Flexible ist überlegen.
Segeln ist ein arbeitsteilig organisierter Prozess. Improvisiert nur der Kopf, also der Skipper, und die anderen folgen ihm?Das ist die entscheidende Frage: Wie kannst du alle Spieler auf dem Boot mitnehmen, die in ihrem Bereich eigenverantwortlich entscheiden, aber bei jeder taktischen Änderung ihre individuellen Entscheidungen der neuen Strategie anpassen müssen? Das Schlüsselkommando geht in der Regel vom Steuermann aus. Und dann brauchst du 13 Leute, die richtig reagieren - und eben richtig improvisieren. Die Fähigkeit zur Improvisation hat eine Grundvoraussetzung: Offenheit. Das ist eine Charaktereigenschaft, auf die ich bei der Auswahl eines Teams sehr achte. Ein Segler kann sein Handwerk noch so gut beherrschen - wenn er nicht im Kopf offen für rasche Veränderung ist, wird er es nicht weit bringen. Dazu gehört übrigens auch die Offenheit, Fehler einzugestehen. Die passieren nämlich immer, wenn man viel improvisieren muss.
Die Basis für Erfolg beim Segeln, insbesondere beim America's Cup, ist ein gutes Boot, ist die Technik. Da wird nicht improvisiert?Unterschätzen Sie das nicht planbare Moment nicht. Auch die Entwicklungsingenieure folgen oft ihrer Intuition. Sie wissen auch nicht immer so genau, ob eine Idee wirklich funktioniert und das Boot schneller macht. Und die Bootsbauer müssen sowieso oft improvisieren, wenn etwa die speziellen Werkzeuge fehlen, um die Idee des Ingenieurs umsetzen zu können. Auch hier gilt wie beim Segler: Sie brauchen Erfahrung, um gut improvisieren zu können.
Ist der beste Improvisateur auch der beste Segler?Sagen wir so: Wer am schnellsten auf veränderte Gegebenheiten richtig reagiert, gewinnt. Reines Improvisationsvermögen reicht nicht aus. Dazu muss das Selbstvertrauen kommen, risikoreiche Entscheidungen zu treffen. Der beste Segler, der das Risiko scheut, wird sicherer Dritter sein. Gewinnen kann er nicht.
Carl-Uwe SteebZur Person: Carl-Uwe Steeb, 41, war von 1986 bis 1996 Tennisprofi. Er gewann die Turniere von Gstaad (1989), Genf (1991) und Moskau (1995) und war 1990 Nummer 14 der Weltrangliste. Seine größten Erfolge feierte er als Mitglied der deutschen Davis-Cup-Mannschaft, mit der er 1988, 1989 und 1993 den Titel gewann und die er von 1999 bis 2001 als Kapitän betreute. Er ist Mitinhaber der CMG Client Management Group (Büro für Sponsoring und Sonderwerbeformen), Turnierdirektor des Tennis Masters am Hamburger Rothenbaum und hält Vorträge über gesunden Lebensstil, wozu er auch ein Buch veröffentlicht hat.brand eins: Wie wichtig ist Improvisation im Tennis?Steeb: Im Tennis reagiert man auf einen Schlag des Gegners, den man nicht vorhersehen kann, mit einem Schlag, den der Gegner wiederum nicht vorhersehen kann. Insofern ist, wenn Sie so wollen, bis zu einem bestimmten Grad alles Improvisation. Wenn man jetzt bedenkt, dass es allein beim Aufschlag zahllose Varianten gibt, wie der Ball serviert wird: gerade, mit Slice, mit Spin, platziert in die Ecken, auf die Linie, auf den Körper, härter, weicher oder eine Kombination aus zweien oder mehreren dieser Faktoren ...
... ergibt das Myriaden von Spielsituationen, auf die man sich einstellen und reagieren muss?Genau. Hinzu kommen ständig neue Bedingungen. Von Tag zu Tag wechselt die Temperatur, das Wetter, von Woche zu Woche wechseln die Beläge, die Bälle, die Zeitzonen. Ich muss mich ständig anpassen. Mein Spielstil ist auf Sand, wo ich versuche, von hinten zu punkten, ein anderer als in der Halle, wo ich mehr ans Netz gehe. Nur kann ich dem primär nicht mit Improvisation begegnen. Ich muss vielmehr, so oft es geht, meine Stärken ausspielen. Ich muss tun, was ich am besten kann. Das gibt Stabilität und Sicherheit. Damit versuche ich den Gegner zu zwingen, sein bevorzugtes Terrain, seine Stärken zu verlassen. Das ist der erste Schritt, um ein Spiel gewinnen zu können.
Was, wenn dieser erste Schritt nicht gelingt?Technisch kann ich da wenig machen; kein Spieler würde in einem Match etwas komplett Neues probieren, das ist nicht realistisch. Man variiert im Rahmen seiner Möglichkeiten. Aber wenn ich eine kleine Verletzung am Daumen habe, kann ich den ersten Aufschlag nicht voll durchziehen. Wenn ich am Bein lädiert bin, muss ich die Rückhand umlaufen. Da sind zu viele Limits. Taktisch ist das schon anders. Der Gegner spielt riskant - ich versuche ihn aus dem Rhythmus zu bringen; der Gegner spielt passiv - ich gehe selbst mehr Risiko ein. Das passiert aber oft intuitiv, Formeln dafür gibt es nicht.
Welche Rolle spielt die Psychologie? Der Profi-Tennisspieler Brad Gilbert hat mal ein Buch über fiese Tricks als Erfolgsrezept geschrieben: "Winning Ugly - Mentale Kriegsführung beim Tennis".Das ist absolut realistisch. Natürlich versuche ich die Konzentration des Gegners zu stören. Andre Agassi war bekannt dafür, nach einem gespielten Punkt den nächsten Punkt möglichst schnell zu spielen. Also mache ich langsam, das stört ihn. Der Gegner sitzt gern rechts vom Punktrichter? Ich versuche, ihm diesen Platz vor dem Match wegzuschnappen. Aber letztlich spielt ein Weltklassemann zu 90 Prozent immer das Gleiche. Und selbst wenn Roger Federer oder Rafael Nadal trotzdem mal improvisieren, ist das für den Zuschauer auf der Tribüne nicht erkennbar, das sind Nuancen.
Das sture, konsequente Umsetzen der eigenen Stärken genügt?Auf Dauer entscheidet die Spielstärke. Dass Leute wie Federer oder Nadal an der Weltspitze sind, liegt an ihrem sportlichen Format, nicht an ihrer Improvisationsgabe. Nehmen Sie Leute wie Tommy Robredo oder David Ferrer, die spielen das ganze Jahr dasselbe und sind damit durchaus erfolgreich; Nikolai Dawidenko bleibt immer, überall, in jeder Situation bei seinem Spiel. Nadal eigentlich auch. Das hängt auch damit zusammen, dass nur die wenigsten die Möglichkeiten haben, ihr Spiel tatsächlich zu variieren. Federer hat diese Möglichkeiten, und das ist vielleicht seine größte Schwäche.
Weil er Gefahr läuft, sich zu verzetteln und seine Linie zu verlieren?Tennis ist eine einsame Angelegenheit. Man ist praktisch nur auf sich gestellt. Man kann sich nicht in einem Team verstecken wie beim Fußball. Keiner kann einem helfen, einen Fehler auszubügeln. Da ist kein Trainer in der Nähe, der korrigierend eingreifen kann. Und alles geht sehr, sehr schnell. Wenn man keinen Ball trifft, ist ein Satz sehr schnell verloren. Man muss also von der ersten Minute eines Matches an mental präsent sein. Da bleibt wenig Raum, etwas auszuprobieren, seine Kreativität auszuloten. Es hat zwar auch in meiner Zeit kreative Spieler gegeben, Yannick Noah oder Henri Leconte etwa, aber die dominanten, konstant erfolgreichen Spieler waren Mats Wilander oder Ivan Lendl, die berechenbar taten, was sie am besten konnten.
Deren Strategie bestand primär darin, weniger Fehler zu machen als der Gegner; Ivan Lendl nannte das "Percentage Tennis".Auch Boris Becker konnte das sehr gut. Wenngleich er taktisch durchaus variantenreich gespielt hat. Ich weiß aber nicht, ob man das immer Improvisation nennen kann. Am wichtigsten ist meiner Erfahrung nach die mentale Verfassung. Wenn ich gut drauf bin, gelassen, selbstbewusst, dann kann ich leichter meine Stärken ausspielen. Heute würde ich lieber die eine oder andere Stunde Training auf dem Platz ausfallen lassen und dafür mehr in mentale Vorbereitung investieren; etwa sportpsychologische Betreuung oder Atemübungen, um im Match ruhiger, souveräner auf Eventualitäten reagieren zu können.
Wer sich also auf seine Stärken besinnt und diese möglichst effizient abruft, gewinnt im Tennis auch ohne Improvisation?Ich würde es lieber so formulieren: Die Kunst ist, bei seinen Stärken zu bleiben - auch beim Improvisieren.
Klaus KathanZur Person: Klaus Kathan, 31, spielt seit zwölf Jahren in der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Im Sommer wechselte der Stürmer von den Düsseldorfer Metro Stars zu den Hannover Scorpions. Kathan gilt als einer der begabtesten deutschen Eishockeyspieler seiner Generation; er bestritt 153 Länderspiele und nahm an sieben Weltmeisterschaften sowie an den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City und 2006 in Turin teil.brand eins: Wie wichtig ist Improvisation im Eishockey?Kathan: Wenn man wie mein Trainer Hans Zach in Hannover mit Improvisation die individuellen Fähigkeiten eines Spielers umschreibt, dann sind in der Offensive 80 Prozent individuell und 20 Prozent taktisch. In der Defensive ist es umgekehrt.
Sie sind in der Offensive, wie würden Sie Ihre individuellen Fähigkeiten beschreiben?Da ich mehr von der Technik lebe, der Kreativität, weniger von der Athletik, gehe ich Zweikämpfen aus dem Weg. Ich suche lieber den freien Platz, die Lücke, die Spielsituation, die mir einen Vorteil verschafft. Dazu muss ich ständig das Spiel lesen, gut antizipieren und praktisch in jedem Moment blitzschnell reagieren können. Weil beim Eishockey in jedem Moment alles passieren kann, könnte man sagen, alles in meinem Spiel ist improvisiert.
Außer beim Bully, wenn der Schiedsrichter den Puck ins Spiel bringt, gibt es im Eishockey keine einzige statische Situation. Alle sind ständig in Bewegung, die Spieler mit Geschwindigkeiten bis zu 50 Kilometer in der Stunde, der Puck oft doppelt so schnell. Wie lernt man, nicht den Überblick zu verlieren und dabei sogar kontrolliert zu handeln?Die Fortbewegung auf Schlittschuhen ist ein Paralleluniversum, in dem völlig andere Gesetze herrschen als beim Laufen. Ich habe mit drei Jahren angefangen, da entwickeln sich das Spektrum der Bewegungen, die nötige Auffassungsgabe und das Reaktionsvermögen spielerisch. Man rutscht da quasi rein. Der Rest ist Training. Durch endlose Wiederholung entwickelt man Fertigkeiten, läuferisch, beim Umgang mit dem Schläger oder beim Körpereinsatz, die man im Wettkampf dann automatisch anwendet. Man weiß in aller Regel nicht, dass man tut, was man tut.
Sie denken nicht nach, bevor Sie einen Pass geben, auf das Tor schießen oder einen gegnerischen Spieler angreifen?Nein, das passiert überwiegend unterbewusst. Im Eishockey gilt: je mehr Überlegung, desto schlechter. Deswegen kann ich auch nicht sagen, in dieser Situation verhalte ich mich so, in jener Situation so. Hier muss ich mehr improvisieren, dort weniger. Ich handle, irgendwie, daraus entsteht eine neue Situation und so weiter. Du kannst, wenn du vor dem Tor stehst, nicht nachdenken, wo du hinschießen willst. Denn dann gewinnt immer der Torwart. Man könnte sagen: Ich schieße kein Tor, sondern die Scheibe sucht sich den Weg ins Tor. Es mag Spieler geben, die das überlegter angehen, aber ich gehöre nicht dazu.
Sie gelten als kreativer Spieler, als Künstler.Nein, nein, nein, ich spiele zwar nicht überwiegend kraftbetont, aber mit Kunst hat das nichts zu tun.
Auch nicht bei Spielern wie dem Kanadier Wayne Gretzky, dem Russen Sergei Fjodorow oder dem Deutschen Dieter Hegen? Deren Spiel sieht doch aus wie Kunst, wie Akrobatik auf Kufen.Ich habe mit Dieter Hegen zwei Jahre in Rosenheim gespielt. Ich stimme zu, das sah kunstvoll aus, und da war sicher auch viel Improvisation dabei. Aber ich kann Ihnen versichern, dass gerade Hegen nicht wusste, was er tat. Dieter Hegen gehört außerdem, wie auch Gerd Truntschka, zu den letzten deutschen Eishockeyspielern, die sich von ihrem Stil her auch international abheben konnten. Solche Typen haben wir momentan nicht.
Weil im deutschen Eishockey immer mehr Athletik gefragt ist statt läuferischer und technischer Begabung, statt Kreativität und Improvisationsgeschick?Wer die Athletik hat und topfit ist, kann in der DEL selbst mit bescheidenen Mitteln mitspielen. Wenn man aber ein Führungsspieler oder einer der führenden Scorer im Team sein will, braucht man dazu schon noch das gewisse Etwas: Sei es das richtige Timing, gute Antizipation oder Kreativität, am besten alles zusammen.
Das deutsche Eishockey ist international inzwischen eher zweitklassig. Liegt das daran, dass deutsche Eishockeyspieler von Natur aus nicht kreativ genug sind, dass wir auf dem Eis in aller Regel nicht improvisieren können?So kann man das nicht sagen. Früher haben Russen und Tschechen mehr Wert auf Kreativität gelegt, während die Kanadier mehr kämpferisch überzeugt haben, heute gibt es auch unter den Kanadiern sensationelle Techniker und unter den Russen und Tschechen hervorragende Kämpfer. Doch die Begabung, im richtigen Moment den richtigen Schritt zu machen, die richtige Bewegung, perfekt zu reagieren, das kann man nicht trainieren, das hat auch nichts mit Nationalität zu tun. Das hat man, oder man hat es nicht.