Die ZEIT
12.6.2007
Feind schaut zu
Der Kalte Krieg war die große Zeit der Spionage in Europa. An vorderster Front mit dabei: Alliierte Militärdiplomaten, die sich in BRD und DDR frei bewegen konnten
Der US-Militäraufklärer Arthur D. Nicholson gehörte zu den Erfolgreichen seines Fachs. Die Silvesternacht von 1984 auf 1985 war kalt und die sowjetische Panzerwerkstatt in Techentin bei Ludwigslust schien unbewacht. Nicholson, akkreditiert bei der amerikanischen Militärverbindungsmission in Potsdam, stieg durch ein Fenster in die Halle. Während der Feind feierte, knipste der Hauptmann in aller Ruhe das Innere eines russischen Panzers. Wenig später überquerte sein Mercedes-Geländewagen samt Filmrollen und Videoaufnahmen die Glienicker Brücke in Richtung West-Berlin. Das war einer der Spionagecoups, von denen die amerikanischen, britischen und französischen Veteranen der alliierten Militärverbindungsmissionen in der DDR bis heute gerne erzählen. Arthur D. Nicholson täte das sicher auch. Wenn er noch lebte.
Am 24. März 1985 wurde Nicholson von einem sowjetischen Wachsoldaten erschossen. An jenem Tag war er mit seinem Fahrer noch einmal zu der Panzerhalle in Techentin zurückgekehrt. Er hoffte, diesmal einen der brandneuen T80-Panzer vor die Linse zu bekommen, den die Militärführung in Moskau kurz zuvor an die Einheiten in Ostdeutschland ausgeliefert hatte. Was er nicht wusste: Ein amerikanischer Doppelagent, Mitglied der Abhörstation auf dem West-Berliner Teufelsberg, hatte dem KGB von Nicholsons erfolgreicher Silvestertour berichtet.
Was an jenem 24. März in der Panzerwerkstatt bei Ludwigslust geschah, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Nach Aussage von Nicholsons Fahrer Jessie G. Schatz war er mit Nicholson an die Panzerhalle herangefahren. Wachpersonal gab es weit und breit nicht zu sehen. Der Major stieg aus, ging zum Gebäude und öffnete ein Fenster, um ein paar Fotos zu machen. In diesem Moment tauchte ein sowjetischer Soldat auf. Die folgenden Minuten beschreibt ein Stasibericht so: "Um 15.55 Uhr handelte der Posten entsprechend seiner Instruktion. Nach erfolgtem Warnruf, auf den Nicholson nicht reagierte, gab der Posten einen Warnschuss ab. Nicholson reagierte darauf nicht, sondern lief schnell und direkt zu seinem Fahrzeug. Aufforderungen zum Stehenbleiben kam er nicht nach. Daraufhin schoss der sowjetische Posten gezielt, Nicholson fiel circa drei Meter vor seinem Fahrzeug."
Fahrer Schatz gab eine andere Version zu Protokoll. Es gab keine Warnrufe oder Warnschüsse. Mit vorgehaltener Waffe wurde Schatz daran gehindert, Nicholson Erste Hilfe zu leisten. Ein sowjetischer Arzt traf über eine Stunde später an der Halle ein. Nicholson war da bereits lange verblutet. Der amerikanische Untersuchungsbericht hält zudem fest: Die Halle befand sich nicht in einem militärischen Sperrgebiet. Das Fahrzeug war unübersehbar als Wagen der Verbindungsmission gekennzeichnet, und somit hätte jedem sowjetischen Soldaten klar sein müssen, dass die beiden Amerikaner wie alle Verbindungsmissionsleute unbewaffnet waren. Um eine Flucht zu verhindern, hätten Schüsse in den Reifen genügt. Stattdessen wurde Arthur D. Nicholson eines der letzten Opfer des Kalten Krieges. US-Präsident Ronald Reagan protestierte bei Kreml-Chef Michail Gorbatschow. Die Sowjets schoben drei Jahre später eine weich formulierte Entschuldigung nach. Und für eine kurze Weile fiel Licht auf eine Institution, die vierzig Jahre lang im Verborgenen gearbeitet hatte.
Als Nicholsons Leichnam am 25. März an der Glienicker Brücke übergeben wurde, waren die Reporter der führenden Medien der westlichen Welt dabei und empört. Gleichzeitig fragten sie sich verdutzt im Namen ihrer Leser und Zuschauer: Was macht eigentlich ein amerikanischer Soldat, ausgestattet mit quasidiplomatischem Status und Kameraausrüstung, auf einem sowjetischen Truppenübungsgelände mitten in der DDR? Von den Militärverbindungsmissionen im DDR-Jargon MVM abgekürzt der Alliierten und ihrer halblegalen Spionagearbeit im Osten hatte die Öffentlichkeit im Westen bis dato so gut wie nichts mitbekommen. Und dass die Sowjetunion in der Bundesrepublik ebenfalls drei Verbindungsmissionen unterhielt und deren Mitarbeiter genau wie die Kollegen im Osten kräftig Feindaufklärung betrieben, wissen meist nur diejenigen, die irgendwann vor 1990 Bundeswehruniform getragen haben. Alle Rekruten wurden nämlich auf sowjetische Fahrzeuge mit besonderen Nummernschildern hingewiesen. Wenn die sich einer Kaserne oder einem Übungsplatz näherten, drohte zwar keine direkte militärische Gefahr. Doch der Feind schaute zu und musste gemeldet werden.
Bis heute sind die Missionen ein weithin unbekanntes Kapitel des Kalten Krieges geblieben. Und das, obwohl dieses Kapitel zahlreiche Anekdoten kennt, die in jeden guten Spionageroman passten. Die MVM waren eine Art Schleichweg über die deutsch-deutsche Grenze, den sich die vier Siegermächte im gegenseitigen Interesse bis 1990 offenhielten. Und auf diesem Schleichweg wurden tonnenweise geheime Informationen transportiert.
Die Gründung der Missionen geht zurück auf Artikel 2 des Londoner Abkommens vom 14. November 1944. Die Endniederlage der Deutschen in Sichtweite, beschlossen die künftigen Siegermächte, in jeder Besatzungszone Verbindungsmilitärs bei den Oberkommandierenden zu akkreditieren. So sollte die militärische Kommunikation sichergestellt werden. Auf der Basis von bilateralen Abkommen mit der Sowjetunion richteten sich die drei Westmächte 1946 und 1947 in Potsdam ein; 31 britische, 18 französische und 14 amerikanische Militärs hatten fortan ihren Dienstsitz in Potsdamer Villen. Die Missionen der Sowjets wurden in Frankfurt am Main, Baden-Baden und im westfälischen Bad Salzuflen (später in Bünde) angesiedelt.
Zu den ersten Aufgaben der Missionsleute beider Seiten gehörte es, Vereinbarungen des Potsdamer Abkommens zu überwachen. Hierzu zählten die Demilitarisierung Deutschlands, die Rückführung von Kriegsgefangenen sowie Fragen der Demontage. Von der Idee her waren die MVM ein vertrauensbildendes Instrument von Militärverwaltungen mit unterschiedlicher Weltauffassung, die zufällig denselben Gegner besiegt hatten. Hierfür besaßen die Verbindungsmilitärs ein wichtiges Privileg: Alle durften sich in allen Besatzungszonen frei bewegen, militärische Sperrbezirke ausgenommen.
Nach der Berlinblockade 1948/49 war es mit dem Vertrauen in der großen Kriegskoalition nicht mehr allzu weit her. Dafür stieg die Neugier am Wehrgerät der Gegenseite. Spionagesatelliten gab es noch keine. Der Auftrag der Missionen hieß fortan nicht mehr Überwachung des alten Feindes, sondern Aufklärung des neuen Gegners mit Notizblock, Funkscanner und Kamera. Aus den Verbindungsmilitärs wurden Spione in Uniform, die weitgehende Immunität genossen. Für sie galt: Nie auf frischer Tat erwischen lassen. Falls dies doch einmal geschah, konnten sie nur vorübergehend festgesetzt werden. Ein Verbindungsmann, der sich mehrmals ertappen ließ, wurde abberufen, um diplomatische Verwicklungen zu vermeiden. Der Nachrücker setzte die Arbeit fort.
Über Taktik und Erfolge der sowjetischen Verbindungsoffiziere im Westen ist bis heute kaum etwas bekannt. Die westlichen Archive geben hierzu wenig her, die in Moskau blieben bislang verschlossen. Sowjetische Veteranen schweigen eisern. Ihre westlichen Kollegen zeigen sich weniger zugeknöpft. "Neunzig Prozent der Arbeit waren Routine. In zehn Prozent der Einsätze war gehörig Adrenalin im Körper", erinnert sich Geoff Greaves, heute 58 Jahre alt und Geschäftsführer einer Firma, die Kreuzfahrtschiffe vor Entführung schützt. Von 1974 bis 1976 tourte er im Auftrag der britischen Mission durch die DDR. 1984 kehrte er für drei Jahre als Hauptmann zur sogenannten Brixmis zurück. Wie alle westlichen Missionsmilitärs war Greaves in West-Berlin stationiert. Hier wurden die Touren geplant und wurde nach der Rückkehr das Material ausgewertet. Die Potsdamer Missionsgebäude am Heiligen See dienten eher repräsentativen Zwecken.
Jede der ein- bis dreitägigen Erkundungsfahrten führte über die Glienicker Brücke. Dort lauerten bereits die Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Die erste Aufgabe des Fahrers war es, diese abzuhängen. "In 80 Prozent der Fälle gelang das. Vor allem dank überlegener Motorisierung", erinnert sich Greaves. Trabis und Lada Nivas hatten gegen die Mercedes vom Typ G kaum eine Chance, zumal die westlichen Militärwerkstätten praktische Extras eingebaut hatten, die ein wenig an James Bond erinnern. Zusatztanks waren Standard, die Stasi musste immer früher tanken. Bei Dunkelheit konnten die Missionswagen ihre von ferne leicht erkennbaren Westscheinwerfer aus- und ein flackerndes Trabi-Funzellicht einschalten. Und wenn es im Gelände hart auf hart kam, knipste der US-Fahrer auch die Trabi-Imitationsleuchten aus, setzte ein Nachtsichtgerät auf und schaltete auf Infrarotscheinwerfer um.
Die ostdeutschen Verfolger losgeworden, suchten die Spione in Uniform dann nach allem, was Rückschlüsse auf die militärischen Fähigkeiten und Absichten der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, GSSD, zuließ. "In den fünfziger und sechziger Jahren bestand die Hauptaufgabe der Missionsleute darin, einen potenziellen Überraschungsangriff der Sowjets rechtzeitig zu erkennen", weiß Bernd von Kostka, Historiker im Berliner Alliiertenmuseum, das den Verbindungsmissionen eine eigene Abteilung widmet. Systematisch überwachte man Straßen- und Gleisverbindungen zwischen den militärischen Sperrgebieten die zwischenzeitlich bis zu einem Drittel des DDR-Territoriums ausmachten , um eventuelle Truppenverlegungen zu melden. Wann immer ein Konvoi der GSSD oder der Nationalen Volksarmee losfuhr, wurde aus Verstecken heraus fotografiert, was die Kameras hergaben. "Wichtig war es, die Registrierungsnummern zu erwischen", erinnert sich Veteran Greaves. Einmal filmte er drei Tage lang von seinem Tarnzelt aus dreizehn Züge. Am Ende hatte er die gesamte 9. Division der NVA im Kasten und auf der Rückfahrt "a wonderful time".
Über die Vielzahl der Einzelinformationen gewann der Westen bereits vor dem Einsatz von Spionagesatelliten ein recht genaues Bild über die Gesamtstärke der sowjetischen Truppen in Ostdeutschland.
Auch scheinbar Banales komplettierte das Mosaik. Der Kontakt zur Bevölkerung in der DDR war erlaubt und üblich. Eine Frage nach Brötchenlieferungen "an den Iwan" war nicht verboten, und immer wieder gaben DDR-Bürger gerne Auskunft, wenn sie den Eindruck hatten, dass die Stasi gerade nicht in der Nähe war. Hinzu kam: Die Warschauer-Pakt-Truppen machten viele ihrer Manöver in nur vorübergehend gesperrten Gebieten. Nach Rückkehr der Mannschaften in die Kasernen suchten Amerikaner, Briten und Franzosen das Gelände ab, und dank weitverbreiteter Schlamperei gab es immer wieder brisante Funde: Waffen, technisches Gerät, Dokumente. Eine ergiebige Fundgrube waren die Müllkippen. Durch medizinischen Abfall gewann der Westen Erkenntnisse über den Gesundheitszustand des Gegners, private Briefe gaben Hinweise auf den Zustand seiner Moral. Mehrmals fanden Missionsangehörige hier gar Konstruktionspläne für Wehrtechnik.
Bauweise und Fähigkeiten der sowjetischen Technik zu identifizieren wurde in den siebziger und achtziger Jahren die wichtigste Aufgabe der Aufklärungsmilitärs in Potsdam. Allein die Amerikaner knipsten Ende der siebziger Jahre jährlich eine halbe Million Bilder. Der Grund: Die GSSD gehörte zu den am besten ausgestatteten Einheiten der sowjetischen Armee, und ihr Material war teilweise dem der Nato-Truppen technisch deutlich überlegen. Keiner kam zum Beispiel näher an sowjetische Brückenlegepanzer heran als die Männer der Mission. Ihre Fotos sollten die westlichen Konstrukteure inspirieren.
Das Ministerium für Staatssicherheit versuchte allerdings von den siebziger Jahren an, den Verfolgungsdruck auf die Westmilitärs in ihren PS-starken Wagen zu erhöhen. Die MVM war ein ständiger Stachel im Fleisch der DDR, für die die volle Souveränität einen wichtigeren Stellenwert hatte als für die bequem in die Nato eingebettete Bundesrepublik. Bereits 1958 hatte das MfS eine Attacke "erzürnter Bürger" gegen die Missionsgebäude inszeniert, und die Sowjets mussten nach Protest der Westalliierten den Schutz der Potsdamer Villen sicherstellen. Immer wieder bettelte die DDR-Führung in Moskau, der große Bruder möge doch die Abkommen mit den Westalliierten kündigen und die Missionen räumen. Alle KPdSU-Führer winkten ab. Den Sowjets waren die eigenen Missionen in der Bundesrepublik wichtiger als die Sicherheitsbedenken und verletzten Ehrgefühle der Ost-Berliner Genossen. Diese wiederum reagierten auf anhaltende Ohnmacht mit zunehmender Aggression im Kleinen.
Ziel der DDR-Sicherheitsbehörden war es, zumindest den Bewegungsspielraum der Gegner einzuschränken. Also versuchten sie, Missionsfahrzeuge in Spionageverdacht mit eigenen Fahrzeugen zu blockieren. So konnte das, was Veteranen gerne als Fortsetzung der Schnitzeljagd mit anderen Mitteln darstellen, auch tödlich ausgehen. Immer wieder kam es zu gefährlichen Ramm-Manövern. Wie viele Verletzte es dabei auf ostdeutscher Seite gab, ist unklar.
Gut dokumentiert hingegen ist der Tod des französischen Oberstabsfeldwebels Philippe Mariotti. Dessen Fahrzeug wurde im März 1984 bei Halle von einem NVA-Laster mit aller Wucht gerammt. Die DDR-Polizei erklärte den tödlichen Blockadeversuch zum Verkehrsunfall, den Mariotti zu verantworten habe. Aus den Stasiunterlagen weiß man heute: Der Wehrdienstleistende am Steuer des Lastwagens war angewiesen worden, den französischen Wagen mit allen Mitteln zu stoppen. Der hauptamtliche Stasimitarbeiter, der neben dem jungen Fahrer saß und kommandierte, bekam nachträglich eine Prämie von 1000 DDR-Mark für "gute politisch-operative Leistungen und Einsatzbereitschaft bei der Durchführung einer Aktion zur offensiven Abwehr der Feindtätigkeit der westlichen MVM".
Im Laufe der Jahrzehnte wurden Missionsangehörige auch immer wieder beschossen. Doch der Franzose Mariotti und der Amerikaner Nicholson blieben bis zur Auflösung der Missionen 1990 die beiden einzigen Todesopfer. Bei aller Feindschaft gehörten die Potsdamer Villen zu jenen wenigen Inseln, auf denen noch in den frostigsten Zeiten des Kalten Krieges militärische Kommunikation möglich war. Am Quatorze Juillet, Independence Day und Queens Birthday luden die Westalliierten sowjetische Delegationen in ihre Missionen ein. Gleiches geschah am Tag der Oktoberrevolution in den drei Missionen in der Bundesrepublik. Informelle Gespräche boten einen Informationskanal, den beide Seiten nicht missen wollten.
Gelegentlich wurden die Militärkundschafter gar gezielt benutzt, der Gegenseite Informationen über die eigene Stärke zukommen zu lassen. Exmajor Geoff Greaves erinnert sich frustriert, dass er und seine Kollegen nie sowjetische Atomraketen zu Gesicht bekamen. Denn die waren immer viel zu tief in permanenten Sperrgebieten versteckt. Doch 1987 fuhr einer seiner Kameraden routinemäßig in einem wohlbekannten Übungsgebiet in der Nähe von Potsdam herum. Plötzlich stand am Wegesrand ein mobiler Raketenwerfer für SS23-Missiles. Jahrelang hatten die westlichen Dienste spekuliert, ob diese tatsächlich in der DDR stationiert waren. Satellitenaufklärung hatte zu keinem Erfolg geführt. Zwei Jahre vor dem Fall der Mauer wollten die Russen dann dem Westen wohl unmissverständlich mitteilen: Lieber Feind, die SS23 sind tatsächlich hier!
Am 2. Oktober 1990 endete die Arbeit der Missionen. Deutschland war wiedervereinigt und souverän. Die MVM gingen, wie sie gekommen waren und über vier Jahrzehnte gewirkt hatten: in aller Stille. Immerhin bekamen Geoff Greaves und seine Kameraden im Herbst 1990 dann doch noch jene Atomraketen zu sehen, denen sie jahrelang nachspioniert hatten. "Bequem im Fernsehsessel in den Nachrichten der BBC. Beim Abzug mussten die Sowjets ja raus aus den Sperrgebieten und vorbei an den Fernsehkameras."
