brand eins
März 2007

MARADONA MELANCHOLIE

Hans Ulrich Gumbrecht ist Fußballfan, solange er denken kann. Sein Buch "Lob des Sports" sorgte vor zwei Jahren weltweit für Beachtung. Ein Gespräch mit dem Stanforder Literaturwissenschaftler und Sportphilosophen über ehemalige und aktive Fußballdiven.

brand eins: Real Madrid sortiert gerade einen Teil seiner Fußballdiven aus. Das größte Aufsehen erregte der Wechsel von David Beckham nach Los Angeles. Schön für Sie, Herr Professor Gumbrecht, Sie wohnen ja in Kalifornien. Dann können Sie ihn mal wieder live sehen.

Gumbrecht: Für Beckham fahre ich ganz bestimmt nicht nach Los Angeles. Ich war nie ein Fan von ihm. Was am Phänomen Beckham auffällig ist: Bei ihm geht es seit langem nicht mehr darum, was er auf dem Rasen leistet, sondern um das, was er als sein Privatleben mediengerecht inszeniert. Auf ihn passt der Begriff "Diva" deshalb besonders gut und eben nicht mehr der Begriff "Fußballstar". Das Wort "Star" ist viel stärker auf das Sportliche, auf die Leistung getrimmt. Vom "metrosexuellen" Beckham haben wir in den vergangenen fünf Jahren viel gehört, vom Fußballer Beckham aber wenig gesehen.

Und dennoch bekommt er bei L.A.Galaxy angeblich 250 Millionen Euro in fünf Jahren.

Das ist in der Tat bemerkenswert. Ich glaube nicht, dass sich Galaxy sportlich viel von Beckham verspricht. Es gibt auch in der amerikanischen Major League Soccer deutlich bessere Spieler als ihn. Real Madrid hatte Beckham vor ein paar Jahren ebenfalls primär nicht als Spieler geholt, sondern weil ein Trikot mit seinem Namen weltweit sehr vielen Teenagern eine große Freude macht, besonders in Japan. Wenn Sie durch Shibuya in Downtown Tokio gehen, hat jedes dritte Mädchen dort sein Trikot mit der Nummer 23 an. In Amerika hofft man nun, allein mit dem Namen Beckham stärker auf den Fußball aufmerksam machen zu können und vor allem viele Trikots zu verkaufen. Als Spieler mag er eine Fehlinvestition sein, unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten wahrscheinlich nicht. Das Neue an diesem Fall scheint mir jedoch, dass Beckham weiter in einem globalen Medienmarkt als Diva laufen kann, obwohl er als Spieler wirklich abgebaut hat. Die Fußballdiva muss offenbar gar keine Leistung mehr bringen. Damit ist eine neue Dimension erreicht.

Wenn man in die Champions League schaut, wirken eitle Individualisten wie Dinosaurier. Ronaldo gibt es zum Dumpingpreis. Villareal schmeißt den faulen Riquelme raus. Und beim Nachwuchs setzt sich ein eigensinniges Jahrhunderttalent wie Cassano nicht durch. Woran liegt das?

Die Spielweise hat sich im Fußball in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Der Ball muss heute in viel höherem Tempo in den eigenen Reihen gehalten werden als früher, und das bei besserer Deckung. Während der Ball kreist, wartet man auf die kleine Lücke, die kurzzeitige Schwäche in der Abwehr, in die man plötzlich hineinstoßen kann. Unter diesen Voraussetzungen sind artistische Einzelleistungen kaum mehr denkbar.

Pelé erzielte einmal ein Tor, indem er alle elf Spieler der chilenischen Nationalmannschaft einschließlich des Torwarts ausspielte, kurz auf der Linie innehielt und dann den Ball im Tor versenkte. Das war das schönste Tor der Fußballgeschichte, glauben seine Landsleute - aber so ein Tor wird es leider nie wieder geben. Die großen raumöffnenden Pässe funktionieren heute ebenso wenig, weil die Abwehrspieler zu gut organisiert sind. Ein Diego Maradona, selbst ohne Übergewicht, würde einfach gestoppt, wenn er in der eigenen Hälfte zum 40-Meter-Sprint ansetzte und dann aus 30 Metern schießen wollte. Das waren alles star- und damit divengerechte Spielzüge. Für die gibt es heute in Zeiten der blitzschnellen Umschaltpunkte und Blockverschiebungen im wörtlichen Sinne keinen Raum mehr. Das Spiel ist nicht nur viel schneller, es ist auch viel taktischer und kollektiver. Eine Diva, die in diesem Kollektiv nicht zu 100 Prozent mitarbeitet, gefährdet das gesamte Spiel.

Insofern haben wir es zurzeit mit zwei gegenläufigen Entwicklungen zu tun. Das Fußballspiel selbst ist divenfeindlich geworden, während der kulturelle Kontext divenfreundlicher ist. Diese Spannung verkörpert niemand deutlicher als David Beckham.

Was heißt das denn aus Sicht der Stars respektive Diven?

Die Divenexistenz absorbiert so viel Kraft und Zeit, dass dauerhafte, athletische Leistung auf dem Platz wohl kaum noch möglich ist. Der Gegenentwurf zu Beckham ist für mich Ronaldinho, der einfach versucht, weiter ein guter Spieler zu sein. Von ihm gibt es keine öffentlichen Auftritte. Es gibt da irgendwelche Leute, die in Barcelona mit Kreditkarten auf seinem Namen rumlaufen. Er selbst sitzt in seinem Haus und spielt Computerspiele, bevor er pünktlich zum Training geht.

Das Leistungsgefälle innerhalb der Mannschaften hat abgenommen. Jeder Abwehrspieler muss anständig Fußball spielen können. Es gibt nicht mehr den Arbeiter Nummer 6, der dem Fußballgott Nummer 10 den Ball zuträgt und dann bewundernd zuschaut, was Nummer 10 mit dem Ball macht. Auch das macht es Diven alter Prägung schwer, oder?

Je athletischer das Spiel insgesamt wird, desto geringer ist die Chance eines einzelnen Spielers, sich aufgrund seiner Ballartistik oder seiner Spielübersicht überlegen zu zeigen. So nähert sich der Fußball immer stärker dem American Football an, bei dem es aufgrund der systematischen Rollenzuteilung und der im Durchschnitt höheren physischen Intensität nie so herausragende Stars gab wie im Fußball. Diego Maradona war der letzte Spieler, der seine Zeit absolut und unangefochten beherrschte. Auch wenn Ronaldinho vermutlich der beste Spieler unserer Zeit ist, so ragt er nicht so erhaben heraus wie Pelé oder Beckenbauer. Das lässt sich schon mit so profanen Fakten wie der Zahl der Ballkontakte pro Spiel belegen. Hätte Ronaldinho mit seinem Talent zu Zeiten Pelés gespielt, hätte er sich womöglich zu einem noch eindrucksvolleren Spieler entwickelt. Heute ist das nicht mehr möglich. Und wenn die Mannschaft nicht funktioniert, so wie die Brasilianer bei der letzten Weltmeisterschaft, kann auch ein einzelner Spieler nichts mehr herausreißen.

Ist das Scheitern der Brasilianer bei der WM 2006 nicht das deutlichste Zeichen dafür, dass die Zeit der Diven auf dem Rasen vorbei ist?

Die Brasilianer sind vermutlich mit der größten Kollektion hochkarätiger Spieler angereist, die es je gegeben hat. Vor 20 Jahren hätte das vermutlich gereicht, um die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Auch 1994 bei der Weltmeisterschaft in den USA genügte das noch. Das Besondere bei der WM 2006 war nicht einmal, dass Brasilien nicht gewonnen hat, sondern dass es keine zehn Minuten gab, in denen man dachte, dass sie Weltmeister werden könnten. Und das hat mit den benannten strukturellen Veränderungen im Spiel zu tun. Die Brasilianer hatten einfach nie die Zeit, die sie brauchen, um sich am Ball zu entfalten.

Und dem Trainer ist nichts eingefallen, um aus den Diven eine Mannschaft zu formen.

Die Rolle des Trainers ist in diesem Zusammenhang ohnehin interessant. In der historischen Entwicklung des Fußballs ist der nämlich immer wichtiger geworden. Auch das spricht für die These, dass die Zeit der Fußballdiven vorbei ist. Bei der ersten Weltmeisterschaft 1930 in Montevideo gab es noch keine Trainer. Da hat der Kapitän in der Kabine angesagt, was zu tun ist. Dass sich ein Spieler wie Günter Netzer in den siebziger Jahren selbst einwechselte, ist heute undenkbar. Wenn Sie Real Madrid mit dem FC Barcelona oder dem FC Chelsea vergleichen, fällt auf: Den Trainern Frank Rijkaard und José Mourinho ist es gelungen, ihre Starensembles zu integrieren. Real hat auch die Trainer nach dem Divenprinzip geholt. Immer nur die teuersten und bekanntesten. Und die, inklusive Fabio Capello, haben es nicht geschafft, vermeintliche Top-Spieler zu disziplinieren und zu einem Kollektiv zusammenzuführen. Und dann zeigen die Stars eben ihre Divenseite. Die Diskrepanz der sportlichen Erfolge zwischen Barça und Real in den vergangenen fünf Jahren spricht für sich.

In der Bundesliga sehen wir schon lange keine Diven mehr, zumindest keine deutschen. Mario Basler frotzelt in der "Bild", Michael Ballack posiert mit seinem pseudoaggressivem Gehabe eher erfolglos in England und Oliver Kahn hält sich altersweise zurück.

Die Bundesliga ist ein Sonderfall. Vermutlich ist sie die am wenigsten "divenanfällige" Liga Europas. Was mir an Deutschland auffällt ist, wie klaglos man sich mit der soliden Mittelmäßigkeit der Bundesliga zufrieden gibt. Als Werder Bremen 2006 von Barcelona 2:0 abgefertigt wurde, schien man ganz zufrieden nach dem Motto: Hätte ja schlimmer kommen können, wir haben uns doch ehrenhaft aus der Affäre gezogen. Seit Jahren hat kein echter Weltstar mehr in der Bundesliga gespielt, Torhüter einmal ausgenommen. Und das, obwohl die ökonomische Substanz doch bei allem Gejammer wirklich ausreichen müsste, mal einen Weltklassemann zu holen. Aber vermutlich ist diese Divenresistenz des deutschen Fußballs in einem gesamtkulturellen Kontext zu deuten. Solides Mittelmaß ist in Deutschland das Vorzugs-Maß.

Die letzte große Diva, die wir hatten, dürfte Stefan Effenberg gewesen sein. Auf und neben dem Platz.

(Lacht.) Der war nun wirklich die "Bild"-Zeitungsvariante von Diva. Der wäre nie wie Beckham zur Hochzeit von Tom Cruise eingeladen worden. Ich habe mal in seine Autobiografie hineingelesen. Der Fellatio mit verbundenen Augen war offenbar das Aufregendste, das in seinem Privatleben je passiert ist. So sehr erfolgreich war er als Spieler auch nicht. Effenberg hat sich letztlich weder in Italien noch in der Nationalmannschaft durchgesetzt.

Immerhin wurde er mit dem FC Bayern München 2001 Champions-League-Sieger, und er wurde zum Most Valuable Player der Champions League gewählt.

Sie haben recht, er war gewiss ein exzellenter Fußballer und es ist sicher kein Zufall, dass es einen vergleichbaren deutschen Spieler heute nicht gibt. Von einem deutschen Spieler erwartet man heute, dass er sich wie ein Fachhochschulstudent auf seine Zukunft vorbereitet und sich dem Mittelschichtsideal annähert. Seine Affäre hat Oliver Kahn zum Beispiel sehr geschadet. Und die Spielerfrauen sind auch eher brav in Deutschland (lacht). Die kennt man nicht einmal! Von einem Bundesliga-Profi wie Miroslav Klose erwartet man in erster Linie Zuverlässigkeit und keine Überraschung. Wenn Günter Netzer heute Führungsspieler fordert, dann meint er damit wohl einen CEO, also jemanden, der planvoll und ordnend agiert. Ein echter Protagonist, der aus einem klar definierten Rahmen auch mal ausbricht, darf dieser Führungsspieler nicht sein. Hoch interessant finde ich in diesem Zusammenhang, dass Biathlon in Deutschland so populär wird. Als ich das vor 40 Jahren zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: Dieser Sport hat keine Zukunft. So kann man sich täuschen. Vielleicht gefällt den Deutschen daran so sehr, dass es das Element der Strafrunde gibt, mit dem dann jeder Anflug von Diventum abgeschnitten wird.

Uschi Disl war sicher keine Diva.

Die Popularität des Biathlons in Deutschland lebt von seiner Inkompatibilität mit dem Diventum. Sie können ja in der Regel kaum erkennen, ob da ein Mann oder eine Frau läuft.

Wir haben noch gar nicht über Zinédine Zidane gesprochen und seinen divenhaften Abgang von der Fußballbühne.

Dieser Kopfstoß hat mir imponiert. Ich glaube nicht, dass Zidane in jenem Moment irgendwelche Sicherungen durchgebrannt sind, sondern dass es in seinem persönlichen Wertesystem Dinge gibt, die wichtiger sind als die Weltmeisterschaft oder sein Bild in der Weltöffentlichkeit. Es war die Ehre seiner Schwester, die auf dem Spiel stand. Zidane ist der archaische Prototyp des mediterranen Machos. Dieser Macho hat die Weltöffentlichkeit für einen Augenblick bewusst ausgeblendet und tat, was er tun musste. Die ganze Kontroverse um diesen Kopfstoß hat auch viel mit dem Neid der kleinen Geister zu tun, die in einer ähnlichen Situation nicht ähnlich zu reagieren imstande wären. Ganz lustig war dann auch, dass Marco Materazzi eigentlich die gleiche Werteordnung vertrat und behauptete, er habe nicht die Mutter von Zidane beleidigt, weil ihm die Mutter natürlich ebenfalls heilig sei, sondern nur die Schwester.

Ich habe gehört, dass dem Ganzen folgende Szene vorausging: Materazzi, im Hauptberuf Wasserträger bei Inter Mailand, zieht den großen Zidane im Strafraum am Trikot, woraufhin Zidane sagt: "Du kannst das Trikot schon haben, aber erst nach dem Spiel." Das passt schon ins Bild der arroganten Diva Zidane, die Gegenspieler immer gern gedemütigt hat.

Aber anders als bei Beckham hat bei ihm über Jahre die Leistung gestimmt. Er war der erste Star der neuen Spielkultur mit den kurzen, schnellen Ballkontakten. Interessant finde ich, dass seine Popularität durch den Kopfstoß eher gewachsen ist. Mit der Arroganz haben Sie natürlich nicht ganz Unrecht, aber im Spanischen zum Beispiel hat "arrogante" eine durchaus ambivalente Bedeutung. Es meint "etwas an sich reißen, sich etwas herausnehmen", also Verantwortung übernehmen. Und Zidane war ein Spieler, der oft Verantwortung übernommen hat und dies durch seine Leistung auch rechtfertigen konnte. Er war einer, der immer die Big Points gemacht hat, der da war, wenn es drauf ankam. Ich weiß, dass er öfter vom Platz gestellt wurde, als wohl irgendein anderer Weltstar vor ihm, aber der Unterschied zu Beckham ist eben, dass er bis zu seinem letzten Auftritt ein ganz großer Spieler war.

Fehlen Ihnen eigentlich die Diven? Das war doch einfach schön, als René Higuita, der kolumbianische Torwart, einen Ball auf Kopfhöhe nicht einfach gefangen, sondern einen Handstand gemacht und den Ball mit den Füßen abgewehrt hat.

Der Fußball ist für mich ästhetisch unattraktiver geworden. Deutschland gegen Italien war bei der letzten Weltmeisterschaft wohl das beste Spiel, aber es war in ästhetischer Hinsicht nicht annähernd vergleichbar mit dem WM-Halbfinale Deutschland gegen Italien 1970, als Deutschland in der Verlängerung 3:4 verlor. Die meisten Fußballfans meiner Generation halten das für das beste Spiel, das Deutschland je gespielt hat: Franz Beckenbauer mit ausgerenkter Schulter in der Verlängerung, Gerd Müller und Uwe Seeler zusammen im Sturm und so weiter ... Natürlich fehlen mir die Diven. Ich bin schließlich im Divenzeitalter als Fußballzuschauer sozialisiert worden. Aber das ist einfach die Nostalgie eines 58-Jährigen. Der nächsten Generation von Fußballfans werden sie vermutlich nicht fehlen, weil sich die Struktur der Faszination am Fußball verändert. Die Ästhetik, welche sich durchsetzt, ist eine MTV-Ästhetik, eine Ästhetik der

Videoclips, aber eben keine Ästhetik der Oper oder des großen Theaters. Das entspricht einer Lebenswelt, deren Heraufkommen Sie und ich nicht aufhalten können. Und dazu gehört auch, dass Spieler austauschbarer werden, genau wie die Popstars auf MTV. Tokio Hotel mag ein oder zwei Jahre Erfolg haben. Aber epochenprägende Gruppen wie die Beatles, die Rolling Stones oder Genesis gibt es eben nicht mehr.

Nie wieder Maradona!?

Immerhin gibt es immer wieder Momente von Nachglanz. Wenn Sie sich an das Spiel Barçelona gegen Chelsea in der Champions League im vergangenen Jahr erinnern: Da stand es lange 0:0. Und dann wurde Ronaldinho unruhig, ließ die gesamte Chelsea-Abwehr im Strafraum aussteigen und schoss das Tor. Es gibt sie nach wie vor, die göttlichen Momente. Aber sie werden seltener.

Interview: Thomas Ramge