brand eins
Oktober 2006

Frischer Funk

Der Mobilfunkmarkt ist satt. Die Zeit der hohen Preise und hohen Margen ist endlich vorbei. Jetzt kann es losgehen.

Das Klassenziel ist erreicht. Im August hat die Zahl der Mobilfunkanschlüsse in Deutschland die Marke 82 800 000 übersprungen. Den Mobilfunkanbietern ist es damit (zumindest rechnerisch) gelungen, jedem Deutschen ein Handy zu schenken, um sich dann mit teuren Grundgebühren und/oder Minutenpreisen zunächst die Subvention für das Mobiltelefon zurückzuholen und dann kräftig zu verdienen. Das war bislang das dominierende Geschäftsmodell auf dem Mobilfunkmarkt. Mit diesem Modell sind die Mobilfunkunternehmen in der Branche in den vergangenen zehn Jahren bequem und profitabel gefahren.

“Die Großen der Branche haben sich abgestimmt bewegt, waren aber immer clever genug, kein Kartell zu bilden. Nur so waren regelmäßig Gewinne von 40 Prozent vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen möglich“, analysiert Torsten Gerpott die Lage. Der Professor an der Universität in Duisburg-Essen mit Schwerpunkt Telekommunikationswirtschaft ist sich sicher: “Das wird nicht so bleiben.“

Nach Erreichen des Klassenziels geht es zurzeit den deutschen Mobilfunkern wie vielen Abiturienten nach der letzten mündlichen Prüfung. Sie sind in ein tiefes Loch gefallen und fragen sich: Wie soll es jetzt eigentlich weitergehen? Oder konkreter: Woher soll künftiges Wachstum kommen, wenn 95 Prozent der Deutschen mobil telefonieren und die verbleibenden fünf Prozent Babys, an die Wohnung gebundene Senioren und ideologische Handyverweigerer sind?

Die Spielregeln haben sich radikal verändert. Mobilfunk ist kein Wachstumsmarkt mehr, sondern ein Verdrängungsmarkt. Zwar wissen die Strategen der großen vier – T-Mobile, Vodafone D2, E-Plus und O2 – aus anderen europäischen Ländern wie Schweden oder Italien, dass auch Werte von 110 oder 120 Handys pro hundert Einwohner möglich sind. Doch der Trend zum Zweithandy birgt kein echtes Wachstumspotenzial.

Eine weitere Strategie, zumindest für die Großen mit Investitionskapital in der Hinterhand, könnte es sein, auf Märkte auszuweichen, die erst in ein paar Jahren gesättigt sein werden. Dazu zählen vor allem Schwellenländer wie Brasilien oder Indien. Doch dort sind die europäischen Branchenriesen oft heimischer Konkurrenz ausgesetzt, die sie recht bescheiden aussehen lässt. China Mobile hatte Ende 2005 knapp 250 Millionen Kunden – und gewinnt zurzeit jeden Monat drei Millionen hinzu. Im Vergleich dazu ist T-Mobile (trotz erfolgreicher Engagements in den USA und in Großbritannien) ein kleines und der Global Player Vodafone ein mittleres Unternehmen. Zudem lösen Ausweichmanöver nach Tschechien oder Ungarn nicht die Probleme auf dem deutschen Markt.

Deshalb ist die über zehn Jahre währende Koalition der hiesigen Anbieter – getragen von hohem Wachstum für alle bei konstant hohen Preisen – im vergangenen Sommer auseinandergebrochen. Player Nummer drei, E-plus, sah sich mit sinkenden Marktanteilen auf der Verliererstraße und entschied sich für eine aggressive Rolle: Mit den billigen Submarken

Simyo, Base und AyYildiz für Deutschtürken sowie Kooperationen mit Aldi, Viva, Jamba und der Elektronikkette Conrad greift E-Plus die Konkurrenz an. Zur Freude der Verbraucher: Binnen eines Jahres sind die Minutenpreise im Mobilfunkhochpreisland Deutschland um 13 Prozent gefallen. Bis Ende dieses Jahres dürften sie nach Einschätzung von Branchenkennern noch einmal um zehn Prozent sinken.

Die Hoffnung heißt: mehr quasseln dank Billigtarifen

“Wenn der Mobilfunk endlich sein Teuer-Image überwindet, werden die Deutschen auch mehr mobil telefonieren“, sagt der neue E-Plus-CEO Michael Krammer. Ex-Offizier Krammer hat sich vor seinem Wechsel nach Düsseldorf bereits in Österreich bei Telering als Preisbrecher einen Namen gemacht und ist überzeugt: “Der Umsatz pro Kunde steigt, wenn die Minutenpreise fallen.“ Anders ausgedrückt: Wenn Mobiltelefonieren billiger wird, greifen die Kunden öfter zum Handy und quasseln länger.

Damit ist bei E-Plus die Marschrichtung klar. Künftiges Wachstum soll sich aus zwei Quellen speisen: Preissensible Kunden sollen mit aggressiven Tarifangeboten vor allem von den beiden Marktführern T-Mobile und Vodafone D2 abgeworben werden. Siehe auch den neuen Werbe-Claim: “Mach Schluss! Mach plus! E-Plus.“ Zum Zweiten hoffen die E-Netz-Betreiber, dem Festnetz Minuten abzuringen. In Deutschland laufen nach wie vor 80 bis 85 Prozent des Sprechverkehrs durch Leitungen. Nur 15 bis 20 Prozent übertragen die Funkmasten. In Österreich beträgt das Verhältnis bereits 60 zu 40 zugunsten des Funkverkehrs.

Wichtigstes Mittel von E-Plus, um Festnetzkunden zu locken, ist die Flatrate-Marke Base. Für einen Pauschalpreis können Base-Kunden kostenlos und so lange sie wollen ins Festnetz telefonieren. Für sie hat es also keinen Sinn mehr, zum Festnetzhörer zu greifen, wenn sie Mutti oder Oma zu Hause anrufen. Der eine oder andere Kunde mag sich da überlegen: Brauche ich überhaupt noch einen Festnetzanschluss? Das trifft sich für die Base-Mutterfirma E-Plus insofern gut, als sie keine eigene Festnetzsparte hat – im Unterschied zur Konkurrenz mit dem T und Vodafone mit Arcor.

Entsprechend hörte man Telekom-Boss Kai-Uwe Ricke leicht mit den Zähnen knirschen, als er auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin im Zuge seiner neuen “Preisoffensive“ aus der Defensive heraus eine Telefon-Flatrate für T-Mobile-Kunden (zu Festnetz- und anderen T-Mobile-Kunden) ankündigte. Die ist allerdings doppelt so teuer wie die von Base, was der Marktführer damit rechtfertigt, dass es innerhalb des T-Mobile-Netzes mehr Anschlüsse gibt, die kostenlos angerufen werden können.

Die E-Plus-Strategie mag recht simpel klingen. Aber sie scheint aufzugehen – wenn auch nach erheblichen Startschwierigkeiten. In den ersten Monaten nach Einführung der Billiglinien fürchteten hausinterne Kritiker die “Kannibalisierung der Kernmarke“. Die Minutenpreis-Senkungen drückten den Umsatz pro Kunde, da der keineswegs auf die Idee kam, wegen günstiger Tarife länger zu sprechen. Im Ergebnis bedeutete dies sinkende Margen. Chef Uwe Bergheim galt als glücklos und ging Ende des Jahres von Bord. Doch seit dem 1. August 2006 laufen die Kommunikationsexperten wieder mit breiter Brust durch die Gänge der Düsseldorfer Firmenzentrale. Mit den neuen Quartalszahlen konnten sie vermelden: Im Vorjahresvergleich hat E-Plus beim Marktanteil um 1,2 auf knapp 15 Prozent zugelegt.

Rund drei Millionen Kunden haben die Submarken inzwischen und sorgen wie geplant für den Löwenanteil beim Wachstum von Umsatz und Profit. Letzterer entwickelt sich für E-Plus besonders erfreulich. Die Ebitda-Marge schnellte binnen eines Jahres von 21 auf 37 Prozent (bezogen auf das zweite Quartal 2005 und 2006). “Wir waren die Vorreiter in Sachen Preissenkung, dafür werden wir jetzt belohnt“, folgert E-Plus-Chef Krammer.

Gut gebrüllt, Löwe. Für die beiden Platzhirsche T-Mobile und Vodafone D2 mit jeweils rund 35 Prozent Marktanteil ist die Frage nach der richtigen Strategie etwas komplizierter. Auf eigenen Billigmarken gemäß der alten Marketingregel – gesättigte Märkte brauchen Segmentierung – kann nicht der Schwerpunkt liegen. Denn für Marktführer entstehen bei Billiglinien in der Tat erhebliche Kannibalisierungseffekte. Das hat mit einfacher Wahrscheinlichkeitsrechnung zu tun. Nehmen wir an, dass von 1000 Mobiltelefonierern 100 zu einer Billigmarke wechseln. Dann gehen T-Mobile und Vodafone jeweils 35 (Hochpreis)-Kunden verloren, E-Plus aber nur 15.

Der strategische Vorteil von Diversifizierung in zusätzliche Billigmarken liegt also klar bei kleineren, agileren Marken mit späterem Markteintritt. So steht das auch im BWL-Handbuch, und die Entwicklungen auf dem deutschen Mobilfunkmarkt zeigen, dass das Spiel tatsächlich so läuft. Dennoch spielen die beiden Marktführer wohl oder übel mit. So überlässt T-Mobile sein Netz gegen Gebühr den Billiganbietern Klarmobil und Simply und ist kürzlich in Kooperationen mit den Penny-Märkten und den ehemaligen Beamtenkollegen von der Post getreten, um Aldi-Talk von E-Plus Paroli zu bieten. Vodafone hat dem Drogerie-Discounter Schlecker sein Netz geöffnet, und O2 kooperiert schon länger mit Tchibo.

Die Geschäftsmodelle im Billigsegment gleichen sich dabei wie eine Funkwelle der anderen: Der Kunde bekommt eine SIM-Karte, mit der er günstig telefonieren kann. Und sonst so gut wie nichts. Kein subventioniertes Telefon, keinen Service, Einzelabrechnung nur gegen Aufpreis. “No-frills“ heißt das in der Marketingsprache – keinen Schnickschnack also. Offenbar ist es genau das, was viele Kunden wollen.

In der Wachstumsphase sind die Anbieter gut damit gefahren, ihre Angebotspalette kompliziert zu gestalten. Die Leute verloren tendenziell den Überblick, wussten also oft nicht, ob sie billig oder teuer telefonierten. Da alle Mobilfunkunternehmen das Spiel mitspielten, funktionierte diese Vernebelungstaktik. Viele teure Handyrechnungen später gibt es mittlerweile viele Verbraucher, die genau dazu keine Lust mehr haben. Hier liegt die große Chance der Billigmarken. Ihre Neukunden wollen kein teures Handy, deren eingebauten MP3-Player und Wap-Funktionen sie ohnehin nicht nutzen. Sie behalten das alte Gerät, zahlen keine Grundgebühr und wissen: Eine Minute Telefonieren kostet soundso viel, egal, wann und in welches Netz. Das macht die Gespräche wieder berechenbar.

Das Zauberwort der Branche ist altbekannt: Konvergenz

Dabei hat No-frills auch für die Verkäufer – neben dem erhofften Kundenwachstum – zusätzliche Vorteile. Sie müssen zum Beispiel nicht mehr zeitintensiv und damit teuer beraten. Einige vertreiben ihre SIMKarten nur im Internet und umgehen damit die in der Branche hohe Händlerspanne. Alle Billigheimer setzen stark auf Mund-zu-Mund-Propaganda und sparen damit auch bei den Marketingausgaben. Und nicht zuletzt: Sie müssen das Subventionsspiel von Endgeräten nicht mitmachen. “Die Subventionitis ist zwar nicht schlimmer geworden, aber auch nicht wesentlich besser“, sagt der Markt-Kenner Torsten Gerpott. Bei 24-Monatsverträgen mit UMTS-Geräten sind die Anbieter nach wie vor bereit, bis zu 300 Euro zuzuschießen, weil sie auf zusätzliche Datenumsätze mobiler WAP-Surfer hoffen. Nutzt der Kunde sein Gerät allerdings weniger als erhofft, lohnt es sich nicht, der Konkurrenz die Kunden abzujagen.

Besonders die beiden Branchenriesen sind dennoch bereit, diese Investition in potenziell wertvolle Kunden zu riskieren. Und aus ihrer Sicht ist das auch sinnvoll. Denn obgleich sie keine Gelegenheit auslassen zu betonen, Preissenkungen seien gut, richtig und nur natürlich – die Low-Cost-Angebote schaffen T-Mobile und Vodafone mehr Probleme als Chancen. Bewusst verzichtet T-Mobile bei seinen Billiglinien darauf, das eigene Markenemblem auf die Packung zu drucken oder hält es zumindest sehr klein.

Im Gespräch ist dem Chef des Privatkundengeschäfts in Deutschland anzumerken, dass er lieber über etwas anderes als die Discounter redet. “Wir sind und bleiben ein Vollsortimenter, der attraktive Preise immer in Verbindung mit einer besonders guten Leistung bietet“, wirbt Alexander Lautz. Mit guter Leistung meinte er eine breite Palette an Endgeräten, besonders gute Netzabdeckung und den Anspruch, bei technischen Innovationen eine Führungsrolle zu übernehmen.

Nach Lautz’ Selbstverständnis gehört zu guter Leistung im Hoch- und Mittelpreissegment aber vor allem besonders guter Kundenservice. Und der muss in der Nähe des Kunden gewährleistet sein. 500 T-Punkte und 3000 unabhängige Verkaufsstellen sollen Nähe schaffen. “In den Kunden-Centern schaffen wir zurzeit 450 neue Stellen“, betont der Privatkundenchef mit Dienstsitz Bonn. Mehr T-Mobile-Verkäufer sollen potenzielle Wechsler, die nicht auf jeden Minuten-Cent achten, besser beraten als die Konkurrenz. Die Schwierigkeit der Vollsortimenter dabei ist: Sie müssen eine breite Produktpalette anbieten, die Beratung aber so gestalten, dass sich Kunden von der Vielzahl der Tarife und Modelle nicht überfordert fühlen.

Als Gegenentwurf zu No-frills am unteren Ende dürfte die Investition in Beratung im Hoch- und Mittelpreissegment keine schlechte Strategie sein. Denn mobile Kommunikation befindet sich nicht nur hinsichtlich der Preisentwicklung in einer Umbruchphase. Was in kreisen schon lange als ausgemachte Sache galt, wird zurzeit Massenrealität. Festnetz, Mobiltelefon und Hochgeschwindigkeitsinternet wachsen zusammen. Und damit steigt logischerweise auch der Beratungsbedarf bei Kunden, die die Wort-Expertenfolge “double-, triple- und quadruple-play“ bald ohne Versprecher in einen Satz werden einbauen können.

“Konvergenz“ heißt das Zauberwort, auf das die Branche die größten Wachstumshoffnungen projiziert. Die Marketing-Abteilungen übersetzen das in “Bundles“: gebündelte Angebote von Mobilfunk, Festnetzangebot und, wenn es geht, obendrauf noch DSL. In absehbarer Zeit wird noch Fernsehen via Internet dazukommen. Konvergenz bietet aus Verbrauchersicht die Möglichkeit, endlich ein legitimes Anliegen durchzusetzen: Wenn er alle Kommunikationsdienstleistungen bei einem Anbieter kauft, kann er bei den Grundgebühren sparen. Zudem stapeln sich dann nicht mehr so viele Verträge in der Schublade, die unterschiedliche Kündigungsfristen haben und deren genaue Konditionen er im Grunde nie wirklich durchdrungen hat. Die monatliche Rechnungsflut im Briefkasten hat hoffentlich auch ein Ende. Und mit viel Glück gibt es nur eine Hotline, die er im Störungsfall anrufen kann.

Mit dem Produktpaket T-One testet die T-Com bereits seit August den Markt für Bündelangebote von Breitband-Internet, Festnetz und Mobil-Telefonieren. Dieses Paket gilt allerdings nicht gerade als Preishammer und wirkt zudem technisch etwas kompliziert. Eine dreifache Flatrate für etwas mehr als 80 Euro kommt gerade durch T-Com und T-Mobile auf den Markt, die für Vielnutzer aller Kanäle eine echte Alternative sein könnte. Die Konkurrenz entwickelt derweil Angebote für verschiedene Zielgruppen.

Breitband treibt den Massenmarkt und wird mobil

Vodafone versucht seit rund einem Jahr mit aller Marktmacht, seinen Kunden den Festnetzanschluss (in der Regel noch bei der T-Com) auszureden. “Festnetzsubstitution“ nennt die Direktorin Consumer-Marketing Michaela Stuhrmann das höflich und fügt an: “Bis März 2007 erwarten wir, dass zwei Millionen unserer Kunden die Festnetz-Alternative nutzen.“

Die besteht aus einem Handy und einem Telefon für zu Hause, das aussieht wie ein Festnetztelefon, in Wahrheit aber ein Funktelefon ist, mit dem man daheim zum Festnetztarif telefonieren kann und erreichbar ist. “So wie die Netze heute ausgelegt sind, gibt es keinen Grund mehr, Sprache durch Festnetzleitungen zu schicken“, sagt Michaela Stuhrmann und hat die Zahlen auf ihrer Seite. Mit dem Konvergenz-Angebot, mobil und zu Hause zu telefonieren, gewinnt Vodafone D2 deutlich schneller Kunden als erwartet. Darauf lässt sich aufbauen.

Vodafone-Chef Friedrich Joussen hat angekündigt, dass auch sein Unternehmen bald das Breitbandinternet ins Programm nimmt. Die Infrastruktur dafür besitzt Vodafone. Arcor, nach der Telekom Nummer zwei im deutschen DSL-Geschäft, gehört mehrheitlich dem britischen Mutter-Konzern. Pläne, Arcor zu verkaufen, hat Vodafone in Anbetracht der immer deutlicher werdenden Marktchancen von Konvergenzprodukten lieber fallen lassen und wittert nun die große Chance zum Comeback.

Etwas vereinfacht ausgedrückt sieht bei Vodafone die Lage so aus: Die Mobilfunkumsätze stagnieren seit einem Jahr. DSL ist zurzeit der einzige große Wachstumsmarkt der massenfähigen Kommunikationstechnologien. Ende 2005 gab es in Deutschland rund zehn Millionen DSL-Anschlüsse. Ende 2006 werden es nach Schätzungen des Branchenverbandes Bitkom 30 Prozent mehr sein. Hier wachsen die Umsätze wie im Mobilfunk vor ein paar Jahren. Davon wollen die D2-Mobil-funker, gewissermaßen huckepack, profitieren und ganz nebenbei Druck auf die Telekom ausüben. Die hat in der ersten Jahreshälfte in der Festnetzsparte bereits eine Million Kunden verloren.

O2 fährt einen ähnlichen Kurs. In Sachen Konvergenz hat der Kleinste der vier Großen am längsten Erfahrung. Der Genion-Tarif vereint seit sieben Jahren Festnetz- und Mobiltelefon in einem Endgerät und kommt ohne Leitung aus. Im vergangenen Jahr wurde O2 von der spanischen Telefonica geschluckt. Die wiederum möchte am Breitband-Boom in Deutschland teilhaben und DSL-Anschlüsse mit der gut eingeführten Marke O2 verkaufen.

Ein Nachteil der O2-Telefonica-Allianz: Bei DSL ist sie in Deutschland ein Spätstarter. Jetzt soll es dafür umso schneller gehen. O2-Deutschland-Chef Rudolf Gröger hat angekündigt, bis 2007 rund 60 Prozent der Bevölkerung mit DSL beliefern zu können. Und der Produkt-Chef Lutz Schüler hofft, bei den überdurchschnittlich treuen Telefonkunden auch im Internet überdurchschnittlich zu punkten. “DSL als zusätzliches Geschäftsfeld ist für uns natürlich auch eine Chance, die Kundenbindung insgesamt zu erhöhen. Und dann dem Kunden zusätzliche Angebote zu machen, die er braucht und annimmt“, sagt Schüler. Das erste Zusatzangebot wird ein Programm sein, das die Daten, Kontakte und Aufgaben in Computer und Handy permanent synchronisiert und alle E-Mails auf das Mobiltelefon saugt.

O2 setzt auf einen Megatrend, der sich gerade so laut ankündigt wie eine Jamba-Klingelton-Werbung. Das Internet wird mobil. UMTS war bekanntlich eine Zangengeburt. Die Wirtschaftspresse hat der Technik bis vor kurzem geringe Überlebenschancen eingeräumt. Doch von Handynutzern alter Schule unbemerkt, wächst der Spross jetzt überraschend schnell. Fünf Millionen UMTS-Geräte sind inzwischen im Umlauf. Und deren Besitzer rufen gegen Gebühr kräftig Daten ab. “Das sind Umsätze, die UMTS nach dem schwierigen Start auch bitter nötig hat“, gibt O2-Mann Schüler zu. Jetzt sind Anwendungen möglich, von denen früher immer nur geredet wurde. Und die werden von einer wachsenden Gruppe technikaffiner Vorreiter auch angenommen.

Totgesagte leben länger – UMTS tritt den Beweis an

UMTS gewinnt kräftig an Fahrt – wirtschaftlich wie technisch. Heute kann man mit einer Geschwindigkeit von 1,4 Mbit pro Sekunde surfen, 20 Prozent schneller als im einfachen DSL-Standard. HSDPA (High Speed Downlink Packet Access) heißt die Technik, die das ermöglicht.

HSDPA ist eine Art Upgrade des UMTS-Standards, der vergleichsweise geringe Zusatzinvestitionen verlangt. 2007 will die Telekom einen Großteil ihrer Masten so ausstatten, dass Surfen etwa im Park mit 3,6 Mbit pro Sekunde möglich sein wird, also deutlich schneller als mit dem zurzeit handelsüblichen 2000er-DSL-Standard mit zwei Mbit.

War mobile E-Mail mit Blackberry bislang für eine schmale Zielgruppe von Geschäftsreisenden und Wichtigmachern interessant, dürfte sie bald bei Studenten, Kreativen, Ingenieuren und Freiberuflern zum kommunikativen Standardprogramm gehören. Dabei werden E-Mails nur einen Bruchteil des (zu bezahlenden) Datendurchsatzes auf UMTS-HSDPA-Handys und -Laptops ausmachen.

“Wir stehen hier am Anfang einer großen Entwicklung“, ist der Direktor der Vodafone-Mediensparte Erik Friemuth sicher und freut sich über die wachsende Beliebtheit seines Musik-Download-Portals für Handys. T-Mobile-Privatkundenleiter Lautz sekundiert: “Mobiles Internet wird neue Formen der Nutzung hervorbringen, die wir bisher nicht kennen. Und diese Nutzungsformen werden zusätzli-chen Umsatz bringen.“

Die Branche hofft hier auf einen Effekt, von dem sie schon beim Mobiltelefon profitieren konnte. Das Handy hat massenhaft Anrufsituationen und die dazu passenden Dialoge geschaffen, die es früher nicht gab. Zum Beispiel: “Ich bin gerade hier. Wo bist du? Ah, da. Einen Moment.“ Oder: “Sollen wir uns jetzt verabreden? Nein, ich rufe lieber später noch mal an, wenn ich da bin. Dann machen wir was aus.“

Beim voll internetfähigen UMTS-Handy könnten die neuen Situationen so aussehen: Auf der Geschäftsführerkonferenz fehlt die Zahl, die der Kollege neulich gemailt hat. Also kurz rein ins mobile Mail-Programm. Oder Sohnemann will unterwegs wissen, was er für das silberne Schwimmabzeichen leisten muss. Wikipedia weiß: acht Bahnen, Sprung vom Dreier und zehn Meter Strecke tauchen. Für diese Unterwegs-Informationen werden Menschen bereit sein zu zahlen, wie für die spontanen Lokalisierungs-, Verabredungs- und Ich-komme-drei-Minuten-zu-spät-Anrufe. Von anderen Spielereien ganz abgesehen.

Der Kunde pfeift auf Kulturpessimismus – er bleibt verspielt

Vodafone und O2 bieten folgenden Service: Man läuft durch die Gegend und hört ein gutes Lied, das man nicht kennt. Man wählt eine Nummer, hält das Mikro Richtung Lautsprecher, und auf dem Display erscheinen Titel, Interpret und der Link für den kostenpflichtigen Download. Wenn »Bild« die ganze Nation aufruft, Handy-Paparazzi zu spielen und die Bilder per MMS an die Redaktion zu senden, klingelt es bei jedem noch so banalen Foto in den Kassen der Mobilfunker. Mit der neuen Generation UMTS-Endgeräte lässt sich das Geschäftsmodell gleich ins Videoformat übertragen. Die Nation als immer einsatzbereiter Videoreporter, der dafür zahlt, dass er senden darf.

Plattformen für Fotoarchivierung und Blogger hat der Mobil-User ebenfalls überall dabei. Auf dem Zettel haben die Mobilfunkanbieter natürlich auch den lukrativen Spielemarkt. In Japan und Korea ist das Mobiltelefon längst ein Gameboy. UMTS macht es möglich, bequem komplexe Spiele herunterzuladen und vernetzt gegeneinander zu zocken. Hier steckt der deutsche Markt klar in den Kinderschuhen.

Welche Zusatzfunktionen sich rund um Datenübertragung auf das Mobiltelefon entwickeln und etablieren werden, lässt sich heute nicht absehen. Vielleicht sind die Erwartungen der Branche zu optimistisch, dass Daten- und Multimediakommunikation den Mobilfunk vom Verdrängungsmarkt in einen Wachstumsmarkt rückverwandeln. Vielleicht liegen aber auch die Wirtschaftspessimisten und Kulturkritiker mit klassischem Bildungsideal falsch, die einen zu theoretischen Ansatz bei ihren technologischen Prognosen wählen, nach dem Motto: Auf dem kleinen Handy-Bildschirm will doch kein Mensch Fernsehen schauen, deshalb wird sich Handy-TV nicht durchsetzen.

Zur Unterfütterung der These fällt meist noch das Beispiel vom Scheitern der Videotelefonie. Vor zehn Jahren hatte allerdings auch niemand daran gedacht, dass es bald eine Klingeltonindustrie gibt oder die Deutschen jährlich mehrere Dutzend Milliarden grammatikalisch mangelhafte Kurzmitteilungen verschicken. Fest steht: Die Plattformen für allerlei multimediale Anwendungen für unterwegs sind technisch ausgereift. Und immer mehr Menschen kaufen sie, oft ohne sich beim Kauf des neuen Endgeräts darüber voll bewusst zu sein.

Die Mobilfunkbranche könnte wieder wachsen, weil sich der Verbraucher auf eine neue technische Entdeckungsreise macht. Vodafone-Multimedia-Mann Erik Friemuth kann zumindest schon jetzt verkünden: “Unser Optimismus fußt auf dem, was bereits ist: einer stark steigenden Nutzerzahl. Und bei den neuen Nutzern sehen wir eine stark steigende Nutzung.“