brand eins
Juli 2006
Minus 80 Prozent
Dies ist ein Artikel mit vielen Zahlen. Das lässt sich nicht vermeiden. Denn Energiesparen ist ein mühsamer Kampf um Prozentpunkte. Also her mit dem Taschenrechner.
Manchmal liegen die Dinge gar nicht so kompliziert. Das sollte man zumindest meinen. Die Raumtemperatur um ein Grad Celsius zu senken spart sechs Prozent Heizenergie. Ein Bus bringt so viele Leute ans Ziel wie 40 Pkw. Und wer füllt den Wasserkocher nicht bis mindestens zur Hälfte, auch wenn er nur eine Tasse Tee möchte? Unnötig volle Wasserkocher fressen in Großbritannien genauso viel Energie wie die gesamte Straßenbeleuchtung. Für Deutschland hat sich bislang niemand die Mühe gemacht, die Verschwendung durch Wasserkocher auszurechnen.
Auch von anderen Energiespar-Tipps der britischen Non-Profit-Organisation We Are What We Do" will hier zu Lande offenbar niemand so recht hören. Zwar ist das Bewegungs-Manifest Einfach die Welt verändern – 50 kleine Ideen mit großer Wirkung" auch bei uns ein Bestseller. Doch auf die Energiespar-Tipps springen viele Leser irgendwie nicht an oder behaupten etwas selbstgerecht: Das machen wir in Deutschland doch ohnehin schon alles", sagt die Deutschlandaktivistin von We Are What We Do", Patricia Taterra. Die ehemalige Unternehmensberaterin beobachtet immer wieder: In Umweltfragen fühlen wir uns im internationalen Vergleich als Spitzenreiter. Das ist in einigen Bereichen, zum Beispiel Mülltrennung, auch nicht falsch. Doch unser ökologisches Selbstbewusstsein hat leider ebenfalls dazu geführt, dass wir über eigene Defizite großzügig hinwegsehen." Beim Energiesparen liegen Umwelt-Ist und -Soll besonders weit auseinander. Und das hat System.
Das Energieproblem wird in Deutschland nach wie vor hauptsächlich unter der Fragestellung betrachtet: Wo bekommen wir mehr saubere Energie her? Umweltbewusste Eigenheimbesitzer kämpfen um jeden (subventionierten) Quadratzentimeter Solarkollektor auf dem Dach. Keiner baut bessere Windräder als deutsche Ingenieure – und kein Land stellt seine Landschaft so mit den modernen Energiemühlen zu. Deutsche Energiekonzerne investieren als Erste Milliarden in kohlendioxidfreie Kraftwerke. Die Autobauer tüfteln an der Brennstoffzelle und das Max-Planck-Institut an der Kernfusion.
Das ist alles schön und gut – und auch ein Ergebnis unserer Maschinenbau-Tradition. Gesellschaftliche Herausforderungen nehmen wir als technische Probleme wahr. Und wir antworten mit technischen Lösungen. Beim Energieproblem gilt aber die einfache Regel: Die sauberste Energie ist die, die gar nicht gebraucht wird.
80 Prozent Energieeinsparung sind möglich, auch wenn sich das utopisch anhört", sagt Harald Bradke, Leiter der Abteilung Energiepolitik und Energiesysteme beim Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe und fordert im gleichen Atemzug: Man muss die Sache nur endlich einmal etwas radikaler angehen." Das Lieblingsbeispiel des promovierten Maschinenbauingenieurs hat ein Dach, vier Wände und heißt Passivhaus. Passivhäuser sind weiterentwickelte Niedrigenergiehäuser, die Wärmeverluste minimieren und Wärmegewinne maximieren, durch Sonneneinwirkung zum Beispiel. Das funktioniert inzwischen so gut, dass die besten auch in kalten Wintern keine Heizung mehr brauchen. Im Klartext: Energieverbrauch fürs Heizen gleich null. 30 Prozent der Energie in Deutschland geht für Wärme in unseren Gebäuden drauf", rechnet Bradke vor. Mit dem Passivhaus ist eine Technik verfügbar, die diesen Posten theoretisch auf null reduzieren könnte – auch wenn hierzu freilich mehrere Generationen nötig wären.
Die nackten Zahlen machen deutlich, dass Energieeffizienz zum wichtigsten Baustein einer nachhaltigen Energievorsorge und Klimapolitik werden kann. Jeder Bundesbürger verbraucht im Durchschnitt 5,5 Kilowatt Energie im Jahr. Das ist so viel Energie, wie 55 Radfahrer erzeugten, wenn sie ein Jahr lang rund um die Uhr in die Pedale träten. Der Pro-Kopf-Energieverbrauch in den USA ist doppelt so hoch. Global betrachtet haben wir es mit einer wachsenden Zahl Menschen zu tun, von denen – besonders in den aufstrebenden Wirtschaftsnationen – immer mehr Zugang zu den Energiefressern des Wohlstandslebens bekommen.
Eines ist sicher: Energie zu verschwenden wie bislang üblich können wir uns nicht mehr leisten
Langfristige Prognosen über Bevölkerungsentwicklung und Energiebedarf sind genau wie Klimavorhersagen schwierig, weil sich unter den vielen Variablen viele Wackelkandidaten befinden. Über den Daumen gepeilt scheint jedoch folgendes Szenario realistisch: Im Jahr 2100 werden auf der Erde um die zwölf Milliarden Menschen leben. Wenn dann jeder Mensch so viel Energie verbraucht wie ein Mitteleuropäer im Jahr 1990, wird sich der globale Energiebedarf im Vergleich zu heute verfünffachen. Sollten sich die Menschen zur kommenden Jahrhundertwende so verhalten wie die US-Amerikaner heute, liefe das auf eine Verzehnfachung hinaus. Es bedarf keiner prophetischen Fähigkeit, um zu erkennen: Das kann sich die Menschheit nicht leisten, ohne Klima und Ressourcen in kürzester Zeit zu ruinieren.
Dummerweise ist es jedoch für Politiker in Deutschland und dem Rest der Welt attraktiver, einen Wind- oder Solarpark zu eröffnen, als eine groß angelegte Energiespar-Kampagne zu starten. Denn die riecht immer nach Verzicht an Komfort oder Mobilität. Hinzu kommt: Energiesparen ist ein mühsames Geschäft, denn konsequente Energiespar-Konzepte umfassen dutzende oder gar hunderte von Einzelmaßnahmen, die oft mit Investitionen und Verhaltensänderungen verbunden sind. Energiesparen ist ein Kampf um Prozente, der nach Sommerschlussverkauf klingt: minus 20, 30 oder gar 50 Prozent.
Den Rabatt gibt es aber, um im Bild zu bleiben, immer nur für ein Produkt, das man im unübersichtlichen Gedrängel der Angebote und Scheinangebote erst einmal finden muss. Nur die Summe macht den Energiesparfuchs reich. Der muss deshalb seinen Kampf an allen Fronten führen: im Haushalt, im Verkehr, in öffentlichen Gebäuden, im Handels- und Dienstleistungsgewerbe, in der industriellen Produktion.
28 Prozent der Energie geht in Deutschland in den privaten Haushalten drauf. Heizung ist hier mit Abstand das wichtigste Thema. Raumwärme beansprucht 77 Prozent der gesamten Haushaltsenergie, vor allem bereitgestellt durch die klimafeindlichen Energieträger Öl, Gas, Kohle und Holz. Auch wer nicht die Möglichkeit hat, in ein Passivhaus zu ziehen, kann Heizenergie kräftig drosseln. 50 Prozent sind bei den meisten Wohnbauten locker drin", schätzt Claus Barthel, Energieeffizienz-Experte am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Die Verschwendung von Heizenergie ist zu einem beträchtlichen Teil falschen Gewohnheiten geschuldet. Auch die Großmutter wusste schon, dass Stoßlüften sparsam und Fensterkippen verschwenderisch ist. Das Ergebnis taucht irgendwann in der Nebenkostenabrechnung auf – die schnell bezahlt und dann wieder verdrängt ist.
Zehn bis 20 Prozent Einsparung bringt der so genannte hydraulische Druckausgleich des Heizungssystems. Dabei werden die Druckverhältnisse zwischen den Heizkörpern mittels Ventileinstellungen optimiert, sodass mit weniger umgewälztem Wasser dennoch alle Körper warm werden. Der Druckausgleich ist eigentlich seit zehn Jahren vorgeschrieben, und trotzdem macht ihn kaum jemand", kritisiert Barthel.
Moderne Heizkessel sparen noch einmal 20 bis 30 Prozent. Alte Öl- und Heizkessel pusten ein Drittel der Wärmeenergie ungenutzt durch den Schornstein. Die so genannte Brennwerttechnik erreicht dagegen einen Wirkungsgrad von 95 Prozent. Der Trick: Brennwertheizkessel fangen auch die Wärmeenergie der Abluft auf und speisen sie ins Heizungssystem ein.
Der dritte wichtige Ansatz ist die bessere Isolierung von Fassade und Fenstern. Wärme-Isolierfenster sind heute in Neubauten Standard. Doch nach wie vor zögern viele Hausbesitzer, Altbauten energiefreundlich nachzurüsten – zumal sie die Heizkosten an die Mieter weiterreichen können. Die Bundesregierung versucht, mit Energiepässen" den Druck auf Hausbesitzer zu erhöhen und gleichzeitig mit mehreren Programmen energiebilanzfreundliche Altbausanierung zu fördern. Die KfW Förderbank vergibt zum Beispiel zinsgünstige Kredite.
Bei Gebäude-Isolierung gilt: Die Isolierung ist immer nur so gut wie die schwächste Stelle im System. Perfekte Dämmung der Wände nützt wenig, wenn Fenster nicht auf dem neuesten Standard sind oder beim Bau an Ecken geschlampt wurde, an denen unterschiedliche Baumodule aufeinander treffen.
Strom ist der zweite wichtige Energieposten im Haushalt. An einer Stelle stehen elektrische Energie und Wärmeenergie in direkter Verbindung: Zu den größten – oft unentdeckten – Stromfressern gehört die Heizungspumpe. Monteure bauen nach wie vor gern 80-Watt-Brummer ein. Dann sind sie auch zu 100 Prozent sicher, dass niemals Beschwerden über die Zirkulation kommen. Meist reicht aber eine 20-Watt-Pumpe.
Dass alte Kühlschränke ausgesprochen großzügig mit Energie umgehen, hat sich herumgesprochen. Die meisten Verbraucher achten beim Kauf von Neugeräten auf die Energieeffizienzklasse. Viele wissen allerdings nicht, dass Effizienzklasse A nicht mehr Stand der Technik ist. Die Klassen A+ und A++ verlangen inzwischen höhere Standards.
Wasch- und Spülmaschinenhersteller haben in den vergangenen Jahren weitgehend ihre ökologischen Hausaufgaben gemacht. Da ist nicht mehr so viel zu holen", sagt Barthel vom Wuppertaler Institut und rät, den Blick auf andere Geräte zu lenken, zum Beispiel auf den Wäschetrockner. Die neuen mit Wärmepumpetechnik (eine Art umgekehrter Kühlschrank) brauchen nur halb so viel Strom wie konventionelle Modelle. Noch energieeffizienter sind Trockner mit interner Gasheizung. Auch beim Kochen hat der Strom gegen das Gas beim Energievergleichstest keine Chance.
Seit Jahren verfestigt sich beim Haushaltsstrom der Trend: Die klassischen Energieräuber der weißen Ware bekommen wir langsam in den Griff. Dafür saugen immer mehr kleine Geräte mit Stand-by-Funktion 24 Stunden am Tag am Netz. Fernseher, TV-Set-up-Boxen, Telefonladeschale, Handy- und Laptop-Ladegeräte, PC und DSL-Router: Sie alle halten den Stromzähler in ständiger Bewegung. Grundsätzlich gilt: Alles, was irgendwo warm wird, nutzt durchgehend Strom.
Die Deutsche Energie-Agentur (Dena) hat errechnet, dass die Bundesbürger inzwischen durchschnittlich etwa 70 Euro im Jahr nur für Stand-by-Stromverbrauch zahlen. In Haushalten, die mit Informations- und Digitaltechnik gut ausgestattet sind, ist es deutlich mehr. Mit rustikalen Methoden – vor Urlaubsantritt Netzstecker ziehen oder intelligenten technischen Lösungen (Stand-byStopp-Schaltungen) – könnte in Deutschland so viel Strom eingespart werden wie zwei Atomkraftwerke produzieren.
Private Haushalte sind ein wichtiger Baustein im Energiespar-Mix. Industrie, Handel, Gewerbe und öffentliche Einrichtungen haben noch mehr Möglichkeiten zum Sparen. Denn sie verbrau-chen zusammen mehr als die Hälfte der jährlich rund 1000 Peta-joule Endenergie.
Das Sparpotenzial ist gewaltig. Trotzdem heben nur wenige Unternehmen diesen Schatz
Was wir erleben, wenn wir in die Betriebe reingehen, ist oft schlicht unglaublich", ärgert sich Maximilian Gege, Vorsitzender vom Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management e.V. (B.A.U.M.).
Mehr als 1000 Unternehmen und öffentliche Einrichtungen hat B.A.U.M. in den vergangenen Jahren nach Energieeinspar-Potenzialen unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Fast immer sind 10 bis 20 Prozent weniger Energie durch kleine Verhaltensänderungen zu holen. Bei konsequentem Einsatz von Energieeffizienztechnik sind oft 50 Prozent drin. Gebäudewärme und Licht stehen auch im öffentlichen und gewerblichen Bereich ganz oben auf der Liste. Von hydraulischem Druckausgleich der Heizung hat offenbar kaum ein Hausmeister etwas gehört. Zumindest hatte keine einzige von 50 von B.A.U.M. untersuchten Schulen diesen Ausgleich gemacht.
Energiesparleuchten kommen in vielen Büros und produzierenden Betrieben zum Einsatz, sind aber oft ununterbrochen eingeschaltet. Eine B.A.U.M.-Studie beziffert das Einsparpotenzial durch auf die Tageshelligkeit angepasste Beleuchtung bei einem Finanzdienstleister mit 1500 Mitarbeitern auf 9460 Euro pro Jahr. Wenn die Mitarbeiter in allen Pausen ihre Bildschirme ausschalten, kann das die Stromkosten um 5600 Euro mindern. Gege berichtet von einem Bewegungsmelder für 78 Euro, der seit der Installierung in der Werkshalle eines Mittelständlers das Licht einund ausschaltet und damit in einem Jahr 5000 Euro Stromkosten eingespart hat. Standard sind solche Melder trotzdem nicht.
LED-Technik – bislang nur für Punktbeleuchtung sinnvoll einsetzbar – dürfte in absehbarer Zeit ebenfalls für eine weitere Reduzierung der Lichtenergie sorgen. Zurzeit liegt der Wirkungs-grad von Licht emittierenden Dioden" allerdings noch deutlich unter dem von Leuchtstoffröhren.
In der Industrie werden sieben Prozent der Energie für Druckluftsysteme benötigt – und die haben oft Lecks. Doch solange der Kompressor ausreichend Luft liefert und das System funktioniert, macht sich niemand auf die Suche nach den Löchern. Das entspricht dem Ansatz, bei offenem Fenster die Heizung höher zu drehen. Die Dampferzeugung ist eine weitere Schwachstelle im energetischen System vieler produzierender Unternehmen. Außerdem sind Elektromotoren im industriellen Einsatz oft nicht drehzahlgeregelt und laufen deshalb immer auf voller Leistung. Das entspricht ungefähr dem Autofahren mit angezogener Handbremse.
So genannte Frequenzumrichter hingegen verwandeln Elektromotoren, die noch Schwung haben, in Sekundenschnelle zu Generatoren. Siemens hat zum Beispiel ein Frequenzumrichtersystem für die Zuckerindustrie entwickelt: Beim Produktionsprozess entzieht man den Rübenschnitzeln ihren Saft in großen Zentrifugen, deren Bewegungsenergie über einen Umrichter in elektrische Energie rückgewandelt und ins Stromnetz eingespeist wird. Nach Schätzungen des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie könnten Frequenzumrichter allein in Deutschland 20 Millionen Megawatt Strom beziehungsweise 1,5 Milliarden Euro sparen.
Seltsamerweise sehen viele Firmen Energiekosten als festen Kostenblock an, an dem man nicht viel machen kann", wundert sich der B.A.U.M-Vorsitzende Maximilian Gege. Mit den zurzeit steigenden Energiekosten erwache das Interesse aber wieder. Investitionen in Energiespartechnik scheitern allerdings oft an der allgemeinen Kapitalschwäche deutscher Unternehmen und allzu kurzfristigen Vorgaben der Controller. Fraunhofer-Experte Bradke hört von Umweltbeauftragten in Unternehmen immer wieder die Klage: Zwar behauptet unser Management, wir machen alles, was wirtschaftlich ist. Aber alles, was mehr als zwei Jahre Amortisationszeit hat, bekomme ich nicht durch."
Kleine und mittlere Unternehmen machen dabei oft den Fehler, nur die Einsparung von Energiespar-Investitionen zu berechnen, nicht aber die Verzinsung des eingebrachten Kapitals. Eine Energiespartechnik, die sich nach zwei Jahren amortisiert, aber zehn Jahre in Betrieb ist, bringt laut ISI eine jährliche Verzin-sung von 50 Prozent. Bei drei Jahren Amortisationszeit und fünf Jahren Laufzeit sind es immerhin noch 20 Prozent interne Verzinsung. Große Unternehmen rechnen die Zinseffekte zwar ein, dafür denken Manager mit Börsennotierung im Hintergrund oft noch kurzfristiger als geschäftsführende Gesellschafter.
Hinzu kommt: So genannte Co-Benefits von Energiespartechniken werden oft unterschätzt. Eine Anlage mit bester Regelungstechnik ist nicht nur energieeffizient, sondern produziert auch bessere Qualität bei weniger Ausschuss und höherer Arbeitssicherheit. Gute Wärme-Isolierung schützt das Mauerwerk, was langfristig Renovierungskosten spart.
Und: Es gibt inzwischen Banken, die Energieeffizienz in ihre Ratings für die Kreditvergabe einpreisen. Solche Zusatznutzen von Energiesparmaßnahmen werden aber in die Amortisationsrechnung selten einbezogen. Eine ISI-Umfrage aus dem Jahr 2000 sollte Anlass zum Nachdenken geben. Unternehmen aus dem produzierenden Gewerbe, die sich in Energiefragen selbst als passiv" einstuften, hatten damals eine Umsatzrendite von 4,2 Prozent. Nach Selbsteinschätzung aktive" Energiesparer kamen auf eine Rendite von fünf Prozent, und Unternehmen, die freiwillig an einem Umweltaudit mitmachten, auf glatt sechs Prozent.
Der Verkehr schluckt in Deutschland rund 28 Prozent der Nutzenergie. Zwar ist der Modal Split" – also die Anteile der verschiedenen Verkehrsträger am gesamten Verkehrsaufkommen – in den vergangenen Jahren relativ stabil. Doch aus langfristigen Statistiken lässt sich nach wie vor eine ungünstige Tendenz ablesen: Die Nutzung energieintensiver Verkehrsmittel wie Pkw, Lkw und Flugzeug nimmt zu. Global gesehen steigt mit immer mobileren Menschen und stetig wachsendem Welthandel auch das weltweite Gesamtverkehrsaufkommen mit beängstigender Geschwindigkeit. Eine Trendwende hin zu kollektiven Transportsystemen auf Straße und Schiene erwarten mittelfristig nicht einmal die größten Öko-Optimisten.
Der Hoffnungsträger, die wasserstoff-sauerstoff-getriebene Brennstoffzelle, könnte zwar relativ kurz vor seinem Durchbruch stehen. Dadurch würden Autos deutlich sauberer und unabhängig von der Ressource Öl. Doch auch zur Herstellung von großen Mengen Wasserstoff braucht man große Mengen elektrische Energie. Mittelfristig bleibt die realistischste Option, den Verbrauch von Verbrennungsmotoren deutlich zu senken.
Schritt eins geht ganz einfach und baut mal wieder auf Verhaltensänderung. Ein verbrauchsoptimierter Fahrstil spart 15 Prozent Sprit. Das ist eine Größe, mit der man bei diesen Benzinpreisen rechnen kann. Warum schicken die Spediteure nicht alle Fahrer in die ökologische Fahrerschulung?", fragt Maximilian Gege.
Technisch ist das Drei-Liter-Auto kein Problem mehr. Doch Autohersteller und -fahrer haben sich bislang dafür entschieden, die beachtlichen Effizienzgewinne durch elektronisch gesteuertes Motormanagement von Leistung, Größe und Komfort der Fahrzeuge auffressen zu lassen. Was nützt es, wenn Motoren sparsamer, aber Autos immer schneller und schwerer werden? Immerhin: Sprit sparende Hybridfahrzeuge kommen in der Oberklasse in Mode.
Konsequenter geht der kleine Münchener Auto-Entwickler Loremo zu Werke. 2009 bringt er das erste 1,5-Liter-Auto ab 11000 Euro auf den Markt – 450 Kilo leicht, 140 Stundenkilometer schnell, mit allen gängigen Sicherheitssystemen. Gewicht und Aerodynamik sind die entscheidenden Faktoren für den geringen Verbrauch.
Die Stadt der Zukunft ist energieeffizient. Ein deutscher Versorger baut sie bereits
Auch beim Luftverkehr gibt es keinen Anlass, auf eine Trend-wende zu hoffen. Wenn die Menschen nicht bereit sind, auf Mobilität zu verzichten, müssen wenigstens die Flugzeuge deutlich sparsamer werden. Dabei gilt: Von der Natur lernen heißt siegen lernen. Im Vergleich zum Vogelflug bewegen wir uns in der Luft nach energetischen Kriterien ausgesprochen stümperhaft. Wie beim Auto sind auch hier Aerodynamik und Gewicht entscheidend. Mithilfe der Materialforschung, oft unterstützt von der Nano-Technologie, werden in den kommenden Jahren noch deutliche Gewichtseinsparungen möglich sein.
Der promovierte Maschinenbauer Bradke sieht auch bei der Triebwerktechnik deutliches Energiespar-Potenzial und schätzt: Alles in allem müsste sich der Kerosinverbrauch um mindestens 30 Prozent senken lassen." Auch das ändere nichts daran, dass Flugzeuge Energiefresser bleiben, die ihr Kohlendioxid zudem besonders klimafeindlich in 10 000 Meter Höhe ausstoßen.
Der Zug schneidet im Vergleich zur Luftfahrt recht gut ab. Aber auch auf der Schiene wären deutliche Verbesserungen möglich: Die Züge sind zu schwer, und Versuche, sie leichter zu machen, scheitern oft an Sicherheitsvorgaben bezüglich der Stabilität. Auch hier können neue Werkstoffe weiterhelfen.
Zugführer müssen zudem lernen, Energie sparend und vorausschauend zu fahren. Wer bremst, verliert Energie und muss dann wieder beschleunigen. Noch ist eine verschwindend kleine Minderheit der Züge mit Frequenzumrichtern ausgerüstet, die beim Bremsen Strom in das Netz zurückgeben. Wie viel Energie ungenutzt auf der Schiene bleibt, macht ein inoffizieller Wettbewerb unter den französischen Hochgeschwindigkeitszugführern deutlich. Die TGV-Piloten haben den Ehrgeiz, möglichst früh vor Paris die Elektromotoren auszuschalten, Richtung Endbahnhof auszurollen und dennoch pünktlich anzukommen. Der Rekord liegt bei 150 Kilometern.
Energiesparen im Kleinen funktioniert relativ unkompliziert. Im Großen verlangt es nach integrativen Ansätzen, die auch den Städtebau einbeziehen müssen. In der Industriegesellschaft war es sinnvoll, Arbeits- und Wohnort voneinander zu trennen. In der Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft sind lange Wege ins Büro ökonomischer und ökologischer Unfug. Hier hat die Politik Möglichkeiten umzusteuern, die Abschaffung der Eigenheimzulage – die die Zersiedelung des Landes belohnt hat – war ein Schritt in die richtige Richtung. Eine Pendlerpauschale bleibt energiepolitisch schädlich, auch wenn sie leicht reduziert wird.
Ausgerechnet ein Energieversorger – der eigentlich Energie verkaufen möchte – hat kürzlich ein umfassendes Konzept vorgelegt, wie intelligente Stadtplanung zu einer deutlich besseren Energiebilanz beitragen könnte. EnBW-EnyCity" nennt der Karlsruher Stromriese EnBW eine Mischung aus Beratungs-, Planungs- und Umsetzungsangebot für neu entstehende Städte oder Stadtviertel. Der Clou: Energieversorgung und Verbrauch werden von der ersten Minute an in den Planungsprozess integriert. Bisher ist es so, dass ein Stadtplaner auf seinem Entwurf ein graues Kästchen malt und daneben schreibt: Das ist ein Kraftwerk", berichtet EnyCity-Projektleiter Hans Rüdiger Lange.
In einer späteren Planungsphase denken die zuständigen Menschen der Stadtwerke oder Energieversorger darüber nach, welches Kraftwerk an dieser Stelle wohl sinnvoll wäre. Was nicht passt, wird passend gemacht. Das hat auch bislang recht gut funktioniert, denn Energie war immer so billig zu produzieren, dass die Verbraucher klaglos gezahlt haben. Im Ergebnis ist die Energie-Infrastruktur aber dummerweise furchtbar ineffizient.
Zukunftsweisender Städtebau muss Energieerzeugung, Verteilung der Energie und Energiespartechniken in den einzelnen Häusern aus einem Guss liefern. Für Stadtplaner und Architekten bedeutet das Einschränkungen, denn sie sind beispielsweise bei der Anordnung der Häuser weniger frei. Diese dürfen sich in kalten Regionen nicht gegenseitig verschatten oder müssen sich in heißen Regionen entlang eines gemeinsamen Kühlsystems ausrichten, das deutlich effizienter als Einzelklimaanlagen ist.
20 bis 40 Prozent können wir durch diesen integrierten Ansatz einsparen", verspricht Lange. Die Vergleichsgröße sind wohlgemerkt neu gebaute Städte mit modernen Gebäuden nach aktuellem Baustandard. Seine volle Wirkung kann energieintegrierte Planung freilich nur bei komplett neu errichteten urbanen Räumen entfalten – und die entstehen zurzeit vor allem im arabischen Raum und in Fernost. In den Vereinigten Arabischen Emiraten wächst gerade auf Wüstensand eine erste Modellsiedlung nach EnyCity-Vorgaben". Für eine Millionenstadt in China hat EnBW eine Machbarkeitsstudie erstellt.
Lange ist sich sicher: Die Exportchancen auf dem Feld der Energieeffizienz sind enorm. Da wollen wir mitmischen." Das wäre in der Tat eine hübsche Wandlung, wenn deutsche Energieversorger zu globalen Energiesparern würden.
