Die ZEIT
30.3.2006
Beste West-Qualität
Es war der spektakulärste westliche Geheimdienstcoup des Kalten Krieges: 1954/55 gruben CIA und der britische SIS in Berlin einen 450 Meter langen Tunnel nach Osten, um Telefonleitungen anzuzapfen. Im April 1956 flog alles auf – Moskau tat sehr überrascht
Markus Wolf erinnert sich genau. In der Morgendämmerung des 22. April 1956 weckte ihn seine Hausangestellte mit dem Satz: “Der Minister erwartet Sie am Gartentor.” Mit dem Minister war Stasi-Chef Ernst Wollweber gemeint.
Wolf, erst 33 Jahre alt, aber bereits Leiter der Hauptabteilung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit, schaute irritiert aus dem Fenster. Er sah einen alten Volkswagen, aber keinen Wollweber. Normalerweise fuhr der Minister eine sowjetische SIM-Limousine mit Begleitschutz. Misstrauisch nahm Wolf seine Dienstpistole vom Nachttisch und lud sie durch. “Bei der Nähe zu West-Berlin musste man auf alles gefasst sein”, sagt er heute und lässt dabei ein Lächeln erahnen. Doch an jenem Morgen vor fünf Jahrzehnten stand tatsächlich Wollweber vor der Tür. “Ein Anruf der Russen”, erklärte ihm der Minister. “Hatte keine Zeit mehr, den Fahrer zu holen.”
So rasen sie beide in Richtung Flughafen Schönefeld nach Altglienicke. Auf der Schönefelder Chaussee, etwa einen Kilometer vor dem Flughafen und nur wenige hundert Meter von der Grenze zum US-Sektor entfernt, hält Wollweber an. DDR-Fernmelder und russische Soldaten (darunter hochrangige Mitarbeiter des sowjetischen Militärgeheimdienstes) haben mit Schaufeln und Spitzhacke am Straßenrand eine Grube ausgehoben und eine unterirdische Kammer freigelegt – direkt unter mehreren dicken Strängen Telefonleitungen. Einer dieser Stränge führt von Berlin-Ost zum Hauptquartier der Gruppe der sowjetischen Truppen in Deutschland (GSWG) nach Wünsdorf. Über ihn läuft ein großer Teil der Telekommunikation der in der DDR stationierten Sowjetmilitärs mit ihren Vorgesetzten in Moskau, aber auch zur KGB-Zentrale in Karlshorst.
Die Kammer ist voll gestopft mit Abhörtechnik. Hunderte kleine Verstärker sorgen dafür, dass die Signale von Hunderten russisch-ostdeutschen Telefonkabeln gen Westsektor weitergeleitet werden können, ohne dass ein Spannungsabfall in den Leitungen die sowjetische Spionageabwehr misstrauisch macht. Die Abhörkammer hat eine dicke Stahltür, dahinter liegt ein langer Tunnel. Er verbindet die Lauschhöhle unter der Sektorengrenze hindurch mit dem Westen, mit einer kürzlich errichteten “Radarstation” der U.S. Army auf der anderen Seite des Sperrgürtels.
In dem Tunnel sind dicke Kabel verlegt. Für Wolf und seine Begleiter, die hinabgestiegen sind, ist leicht zu erraten: In der “Radarstation” müssen viele Tonbandgeräte stehen. Genau können sie das freilich nicht eruieren. Denn da, wo der Tunnel die Sektorengrenze quert, verwehrt ihnen eine Sandsackbarriere den weiteren Durchgang; daran lehnt ein Pappschild mit einer Aufschrift in ungelenkem Deutsch: “Sie treten jetzt in die amerikanische Sektor hinein.”
“Uns war damals sofort klar, dass die Gegenseite hier einen echten Wirkungstreffer gelandet hatte”, erinnert sich Markus Wolf. Es gab wenig Anlass zu der Hoffnung, der Ostblock würde den Lauschangriff am sensibelsten Grenzposten des Kalten Krieges ausschließlich sportlich nehmen. Ein Jahr zuvor hatten die Sowjets den Warschauer Pakt als Gegenorganisation zur Nato etabliert. Das westliche Militärbündnis vertrat weiter die Abschreckungsdoktrin der “Massiven Vergeltung”, die im Verteidigungsfall eine schnelle atomare Eskalation bedeutet hätte. Auch war das Wettrüsten in eine neue Phase eingetreten. 1952 zündeten die USA im Pazifik die erste Wasserstoffbombe. Die Russen zogen wenig später nach. Ihre Atomwaffenproduktion lief ohnehin auf Hochtouren, gefüttert mit Uran auch aus dem Erzgebirge.
Vor diesem düsteren Hintergrund geriet die Entdeckung des Berliner Gehörgangs wahrlich zur Sensation. Zum Triumph für Moskau, zum Triumph aber auch für den Westen, den Gegner so geschickt getäuscht zu haben. Tatsächlich war das Ganze die aufwändigste und teuerste Geheimdienstoperation in der Geschichte des Ost-West-Konflikts.
Die Amerikaner nannten sie “Operation Gold”, die Briten “Stopwatch” – Stoppuhr. Planung und Bau des Tunnels hatten drei bis vier Jahre in Anspruch genommen. Allein die Baukosten summierten sich auf sechs Millionen Dollar. Doch der Aufwand schien sich gelohnt zu haben. In den elf Monaten zwischen Fertigstellung des Tunnels und seiner Entdeckung verschafften die drei angezapften Kabelstränge den Abhörern Zugang zu 1200 Kommunikationskanälen. Im Durchschnitt zeichneten die Ampex-Tonbandgeräte in der amerikanischen “Radarstation” den Datenverkehr von 28 telegrafischen Verbindungen und 121 Telefongesprächen gleichzeitig auf. Im April 1956 waren insgesamt 50000 Magnetspulen nach Washington und London ausgeflogen worden, wo in den Zentralen von CIA und dem britischen Auslandsgeheimdienst SIS 650 Mitarbeiter die Gespräche übersetzten. Die Auswertung dauerte bis 1958. Die Erkenntnisse fanden dann Eingang in unzählige CIA- und SIS-Berichte – meist gekennzeichnet mit “Geheimquelle von verbürgter Qualität”.
Die westliche Presse bejubelte das lauschtechnische Husarenstück. Die New York Herald Tribune feierte den Tunnel als “leuchtendes Beispiel der amerikanischen Fähigkeit zu wagemutigen Unternehmungen”, und die Washington Post freute sich: “Es ist also doch kein Mythos, dass die Yankees Findigkeit und Fantasie besitzen.”
Ostdeutsche und sowjetische Blätter hingegen verurteilten die Operation als typischen Akt der imperialistischen Aggression gegen die sozialistischen Bruderstaaten. Auf Geheiß Moskaus ließen die DDR-Behörden scharenweise Journalisten aus Ost und West in den Tunnel, um zumindest die Dementis der Amerikaner zu widerlegen und Washington als Störer des Weltfriedens zu enttarnen. Die DDR-Sendung Aktuelle Kamera bewies immerhin einen Hauch von Humor: “Wir sind für Annäherung, aber offen, und nicht unterirdisch.”
Erfolg und Misserfolg liegen im Geheimdienstgeschäft oft nahe beieinander. Gelegentlich so nahe, dass Sieger und Verlierer nicht voneinander zu unterscheiden sind. So mussten CIA und SIS nach der Enttarnung des britischen Doppelagenten George Blake Anfang der sechziger Jahre etwas schier Unglaubliches erfahren: Der KGB war von Anfang an über die Operation Gold/Stopwatch informiert gewesen! Blake hatte 1953 – noch vor Beginn der Bauarbeiten – an einem britisch-amerikanischen Koordinierungstreffen teilgenommen, eine detaillierte Skizze von dem Tunnel gezeichnet und diese seinem russischen Führungsoffizier auf dem Oberdeck eines Londoner Busses übergeben. Von dort gelangten die Baupläne per Diplomatengepäck umgehend in die KGB-Zentrale nach Moskau.
Hatten die Sowjets die Westalliierten mal wieder ausgetrickst? War auf den 50000 Magnetspulen mehrheitlich wertloses Militärgewäsch gespeichert, durchsetzt mit gezielten Desinformationen, die der KGB durch die abgehörten Leitungen schickte? Und waren die Amerikaner an den Kopfhörern ihrer “Geheimquelle von verbürgter Qualität” bloß die Dummen?
Doch der Reihe nach.
Es war CIA-Direktor Allan Dulles gewesen, der am 22. Januar 1954 den Auftrag für den Tunnel gegeben hatte. Die Hoffnungen von CIA und SIS in die Operation waren enorm, und das hatte seinen guten Grund: Das Wissen über die Stärke und die Absichten des Gegners war gering, die gefühlte Bedrohung entsprechend groß. Die Russen hatten die Bombe – aber über welche Trägersysteme verfügten sie, und wie weit reichten ihre Flugzeuge? Der Koreakrieg war 1950 ohne Vorwarnung der westlichen Dienste ausgebrochen. Seitdem lebte man in Washington mit der ständigen Angst, die eigenen Truppen könnten auch in Europa von einem Angriff überrascht werden. Was also ging im Kreml seit Stalins Tod vor? Und was machten eigentlich Moskaus dreißig Divisionen in Ostdeutschland genau?
Die Dienste blieben die Antworten weitgehend schuldig. Ein wichtiger Grund hierfür war: Die Sowjets hatten 1948 ein neues Verschlüsselungssystem eingeführt, das von den Amerikanern bis dato nicht geknackt worden war. Nachrichten im Klartext zu empfangen, um sie mit verschlüsselten Nachrichten abzugleichen, bot also die Aussicht auf Fortschritte bei der Dechiffrierung anderer Quellen.
Die Briten hatten seit 1949 in Wien – wie Berlin ebenfalls in alliierte Sektoren geteilt und ebenfalls ein Tummelplatz für Spione – mit insgesamt vier kleinen Tunnelprojekten erfolgreich sowjetische Telefonleitungen angezapft. Auf diese Expertise wollte die CIA zurückgreifen. Der SIS freute sich wiederum, einen Partner gefunden zu haben, dessen finanzielle Ressourcen unerschöpflich schienen.
Der Leiter der Berliner CIA-Dependance William King Harvey übernahm die Koordination auf amerikanischer Seite. Harveys wacher Intellekt stand in gelindem Widerspruch zu seiner Erscheinung und seinem Auftritt. Er war ein übergewichtiger Kleinstadtanwalt aus Indiana mit einer Stimme wie Kermit der Frosch. Zum Mittagessen pflegte er mindestens drei Martinis zu kippen; sein Revolver lag geladen neben dem Teller. Am Schreibtisch schlief er gerne ein. In den sechziger Jahren hatte sich Harvey als Planer von “exekutiven Aktionen” gegen Kubas Diktator Fidel Castro und den kongolesischen Premier Patrice Lumumba einen zweifelhaften Ruf erworben.
Bei den Briten trug ein Sportsmann die Verantwortung: Peter Lunn, Skifahrer und Kapitän der britischen Olympiamannschaft bei den Winterspielen 1936 in Garmisch-Partenkirchen. Der Eröffnungsfeier mit Hitler war er demonstrativ fern geblieben. 1948 führte er in St. Moritz wieder das britische Team an. Im Hauptberuf war er da allerdings schon Leiter der SIS-Zentrale in Wien. Nebenbei schrieb der Gentleman Romane.
Das ungleiche Gespann ging in Berlin mit großer Professionalität vor. Informanten in Ost-Berliner Postämtern – eine Mitarbeiterin trug den Decknamen “Nummerngirl” – lieferten Hinweise auf Telefonleitungen, die von den Sowjets genutzt wurden. Die Stelle an der Schönefelder Chaussee kristallisierte sich schnell als der vielversprechendste Ort heraus, doch auf amerikanischer Seite entlang der Sektorengrenze war nichts als Feld. Eine glaubwürdige Tarnung für den Eingang musste her. Harvey entschied, ein Lagerhaus mit mehreren Gebäudeteilen zu errichten, groß genug, um 3000 Tonnen Sand aus dem entstehenden Tunnelschacht zu deponieren. Auf dem Dach wurden noch ein paar Antennenattrappen installiert. Die Russen sollten glauben, man beobachte den Flugverkehr in Schönefeld.
U.S.-Army-Pioniere übten im sandigen Boden von New Mexico, der dem märkischen ähnelte, das geräuscharme Graben. Die Versuche ergaben, dass man den ganzen Tunnel mit einer Stahlröhre auskleiden musste, um ein Absenken des Deckschicht oder gar ein Einstürzen ausschließen zu können. In London bereiteten sich zur selben Zeit die Elektronikexperten auf die Feinarbeiten in der High-Tech-Anzapfkammer vor.
Im September 1954 begann der Bau des Tunnels. Wegen eines überraschend hohen Grundwasserspiegels konnten die Pioniere die Röhre nur 2,7Meter unter der Erdoberfläche graben. Geplant waren 8 Meter Tiefe gewesen. Das brachte neue Probleme für die Schalldämpfung mit sich. Nach 449,88Metern waren die kommunistischen Kabel endlich erreicht. Am 11. Mai 1955 zapfte Peter Lunns SIS-Team an. Der letzte Tunnelabschnitt glich einer Mischung aus Luftschutzbunker, U-Boot und Postamt. In US-Geheimdienstkreisen hieß das Projekt bald “Harvey’s Hole”.
Auch während der Betriebszeit hatten die Horcher immer wieder mit unvorhergesehenen Problemen zu kämpfen. Beim ersten Schneefall schmolz die Schneedecke über dem beheizten Tunnel, sodass sich dessen Verlauf quer über die Sektorengrenze deutlich abzuzeichnen begann. Harvey ließ umgehend Kühlgeräte in den Tunnel schaffen. Zum Glück schneite es weiter, und der grüne Pfad von West nach Ost verschwand wieder von der Erdoberfläche, noch bevor er einem ostdeutschen Volkspolizisten ins Auge gefallen war.
Doch hätte das was geändert? Wussten die Russen durch ihren Mann in London nicht ohnehin längst alles?
Der KGB führte Blake unter dem Decknamen “Diomid”, zu deutsch Diamant. Diamant war die vielleicht wertvollste Quelle, die Moskau während des Kalten Kriegs im Westen hatte.
Zur Welt gekommen war er 1922 als Kind einer holländischen Mutter und eines ägyptischen Vaters in Rotterdam. Im Zweiten Weltkrieg hatte sich der junge George Blake dem niederländischen Widerstand gegen die NS-Besetzung angeschlossen und war nach Kriegsende in den Dienst des SIS getreten. Volle Anerkennung fand er dort nicht. Dem eingebürgerten Briten wollte es nie gelingen, seinen Akzent abzulegen; die elitären Kollegen ließen ihn spüren, dass er nicht so ganz dazugehörte.
Zu Beginn des Koreakrieges schickte ihn die SIS-Führung nach Seoul, wo er 1950 in die Hände nordkoreanischer Truppen geriet. In der Kriegsgefangenschaft entdeckte er den Marxismus für sich. Der KGB war entzückt. Nach der Freilassung und der Rückkehr nach London blieb Blake in Diensten Ihrer Majestät. Tatsächlich aber war jetzt der Sowjetgeheimdienst sein Arbeitgeber. Über die Jahre lieferte Blake Dutzende westliche Spione ans russische Messer. Mehr als jeder andere. Und diese Quelle wollte die KGB-Spitze in Moskau um jeden Preis schützen.
Hätten die Sowjets die Berliner Wühlarbeit gleich auffliegen lassen, wären SIS und CIA sofort auf die Jagd nach sowjetischen Maulwürfen in den eigenen Reihen gegangen. Es galt, mit Umsicht vorzugehen. Vor der Entdeckung des Tunnels, die keine Entdeckung war, hatte es wochenlang geregnet. Viele Fernmeldeleitungen in und um Berlin wiesen Störungen auf. Diesen Vorwand nutzte man, um die ahnungslose Fernmeldekompanie buddeln und die Amerikaner an einen Zufallsfund glauben zu lassen. Den Zeitungen und Nachrichtenagenturen spielte der KGB eine schematische Skizze zu, auf der die Tunnelröhre bei einem falschen Gebäude des Radarkomplexes endete. Briten und Amerikaner sollten glauben, die Gegenseite habe selbst nur eine vage Ahnung.
Das Täuschungsmanöver gelang. George Blake geriet nicht ins Visier der eigenen Abwehr. Erst 1961 wurde er von einem polnischen Überläufer verraten. Die britische Justiz verurteilte ihn zu 42 Jahren Gefängnis; man munkelte: ein Jahr für jeden Agenten, den Blake verraten und den dieser Verrat das Leben gekostet hatte. Doch nach fünf Jahren gelang ihm eine spektakuläre Flucht. Mittels einer selbst gebastelten Strickleiter überwand er die Gefängnismauer und entkam – versteckt in einem Campingwagen – in die DDR. Heute lebt Blake in Moskau und gibt sich in Interviews gern als standfester Kommunist, der auf der richtigen Seite gekämpft hat. Gewissensbisse scheinen ihm fremd.
Bis in die neunziger Jahre hinein nahmen die meisten Geheimdienstexperten an, durch das Berliner Hörrohr wären im Wesentlichen bloßer Tratsch und Desinformation in den Westen gelangt. Neuere Aussagen von damals beteiligten KGB-Agenten deuten allerdings in eine andere Richtung.
Während der Bau- und Betriebszeit des Tunnels war der Quellenschutz für Diomid dem KGB so wichtig, dass er nicht einmal den Militärgeheimdienst der eigenen Armee über die Operation Gold/ Stopwatch in Kenntnis setzte. Die Geheimdienstkommunikation schien ausreichend geschützt. Alle wichtigen KGB-Botschaften von und nach Karlshorst wurden ohnehin mit jenem Code “W Ch” gesendet, der für den Westen unverständlich war. Die Interessen der Genossen Militärs schienen den Agenten offenkundig nachrangig. George Blakes ehemaliger Führungsoffizier Sergej Kondraschow versichert: “Die angezapften Leitungen wurden auch nicht zur Desinformation genutzt. Ein solches Unterfangen hätte die Mitarbeit zu vieler Leute erfordert und damit die Sicherheit unserer Quelle gefährdet.” Die Geschichte des Kalten Krieges kennt einige schräge Pointen. Dass der Berliner Horchposten tatsächlich zu einer zuverlässigen Quelle für den Westen wurde, weil der Osten den Mann schützen wollte, der ihnen den Tunnel verraten hatte, dürfte zu den besseren gehören.
Die Ohren unter der Schönefelder Chaussee erfuhren viel über den ostdeutschen Beitrag zum sowjetischen Atomprogramm – sowohl was Uranlieferungen als auch was das wissenschaftliche Know-how anging. Die Lauscher gewannen wichtige Erkenntnisse über Stärke, Bewaffnung und “Offensivfähigkeit” der GSWG, die atomare Schlagkraft der sowjetischen Luftflotte in Ostdeutschland und die neue Stationierung von zweistrahligen Abfangjägern mit Bordradar. Tausende von sowjetischen Offizieren konnten identifiziert und “Personalakten” über sie angelegt werden. Und nicht zuletzt erhielten US-Amerikaner und Briten dank der Operation viele detaillierte Informationen über Art und Ausmaß der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Kontrolle der Sowjetunion über die DDR und die anderen Ostblockstaaten – beziehungsweise über das Chaos, das bei der Abstimmung von sowjetischen und örtlichen Behörden überall herrschte.
Der britische Historiker David Stafford weist in seinem Buch zum Tunnel, Berlin underground, noch auf eine weitere mögliche Erklärung hin, warum die Sowjets die Operation nicht sofort unterbanden: Moskaus neuer starker Mann Nikita Chruschtschow könnte vor dem Hintergrund einer nuklearen Überlegenheit des Westens daran interessiert gewesen sein, die Gegenseite wissen zu lassen, dass die sowjetische Führung tatsächlich keine Angriffspläne in Europa hegte. Doch Markus Wolf schüttelt da irritiert den Kopf: “Ein solches Denken wäre dem KGB vollkommen wesensfremd.”
Der Autor ist Historiker und Journalist und lebt in Berlin
Mehr zum Thema in der Ausstellung “Ist ja fantastisch! Die Geschichte des Berliner Spionagetunnels”, die vom 27. April 2006 an bis zum Oktober im Alliierten Museum in Berlin zu sehen sein wird (Clayallee 135, Tel. 030/8181990)
