cicero
September 2004
Eine verflickste Geschichte
Wahrscheinlich fällt es einem Mann mit einem geschätzten Vermögen von 300 bis 400 Millionen Euro, die durch Erbe und drei Jahrzehnte konservative Vermögensanlage zusammengekommen sind, schwerer als anderen, auf etwas stolz zu sein. Gert-Rudolf Flick, in Familie und Boulevardpresse "Muck" genannt, ist es auf 344 Seiten harte Recherche, 35 mal 30 Zentimeter groß, über drei Kilo schwer. Missing Masterpieces. Lost Works of Art 1450-1900 steht auf dem Hardcoverband. Vier Jahre lang hat der Enkel des Industriellen Friedrich Flick und Bruder von Kunstsammler Friedrich Christian Flick an dem Buch gearbeitet. Das britische Magazin Spectator nennt es "eine hochgradig gelehrte und erhellende Biografie eines guten Dutzend verschollener Gemälde", geschrieben "mit unbeabsichtigter Poesie". Mit detektivischer Neugier erforscht Gert-Rudolf Flick, wo, wann und warum Meisterwerke der Kunstgeschichte wie Michelangelos bronzener David verloren gingen.
Friedrich Christian, genannt "Mick", ist also nicht der einzige in der Familie, der etwas von bildender Kunst versteht. Und dass seine Flick-Collection’ zur Zeit in Berlin soviel Aufsehen und Kritik auf sich zieht, beschäftigt nicht nur Schwester und Literaturwissenschaftlerin Dagmar Ottmann. "Es haben einige in der Familie ein ungutes Gefühl, wie der Name Flick vermarktet wird. Natürlich schafft unser Name Aufmerksamkeit. Doch ich würde mir wünschen, dass damit ein wenig sensibler umgegangen würde", sagt Dr. jur. Gert-Rudolf Flick. Er war im Familiengefüge immer der Zurückhaltende und Nachdenkliche. Zu seinem jüngeren Bruder Mick, Bauchmensch mit Boxerreflexen, hatte er immer ein gutes Verhältnis. Im Gespräch ist klar erkennbar, dass dies auch in Zukunft so bleiben soll. So scharf wie Schwester Dagmar Ottmann in ihrem offenen Brief an Salomon Korn und Michael Fürst würde "Muck" Bruder "Mick" nie öffentlich angreifen. Kritik am Ausstellungsmarketing in Berlin ist dennoch unüberhörbar: "Ich bin nicht sicher, ob der Name Flick-Collection’ der Kunst wirklich förderlich ist. 95 Prozent der Diskussionen kreisen um unseren Familiennamen, nicht um die Ausstellung selbst." Zurückhaltend und nachdenklich steht Gert-Rudolf Flick zwischen den jüngeren Geschwistern in der Frage, wie mit der eigenen Geschichte umzugehen ist.
Die Familiengeschichte der Flicks ist die Geschichte vieler deutscher Familien in groß – und mit dem Gang der deutschen Geschichte ist sie auf das Engste verknüpft. Sie beginnt im ausgehenden Kaiserreich. Großvater Friedrich Flick stieg 1912 als Sohn eines Bauern und Grubenholzhändler zum Direktor einer großen Siegerländer Stahlkocherei auf und kaufte sich, mit geringem Startkapital ausgestattet, Zug um Zug einen mächtigen Privatkonzern zusammen. Er profitierte von der Inflation und den roaring twenties und spendete großzügig an das politische Establishment der Weimarer Republik. Mit der Weltwirtschaftskrise stand auch die Flick KG kurz vor dem Ruin. Obgleich Friedrich Flick kein Freund von Hitlers Nationalproleten war: Die Machtübernahme der Nazis erwies sich für ihn als betriebswirtschaftlicher Glücksfall. Seine Metallbetriebe ließen sich leicht in Rüstungsbetriebe konvertieren. Flick entschied sich mitzulaufen, des Geschäftes wegen, und lief schneller als viele seiner großbürgerlichen Konkurrenten. Kein anderes Unternehmen profitierte stärker von der nationalsozialistischen Rüstungskonjunktur als die Flick KG. Binnen zehn Jahren stieg der Konzern zum wichtigsten Waffenlieferanten der Wehrmacht auf – und Friedrich Flick zum reichsten Deutschen. Das hatte er auch seinen hervorragenden Kontakte in die Spitze der braunen Nomenklatura zu verdanken.
"Flick war bei Göring absolut Persona grata", sagte Hermann Görings engster Mitarbeiter Erich Gritzbach in Nürnberg aus. Der disziplinierte Spartaner Flick war regelmäßig Gast auf den rauschenden Geburtsfesten, mit denen sich der Barocknazi selbst inszenierte. Als Geschenk brachte der Siegerländer Kunstmuffel gerne holländische Meister mit. Drei Beamten des Heereswaffenamtes, die für die Vergabe von Rüstungsaufträgen mitverantwortlich waren, schickte er zu Weihnachten einen freundlichen Gruß und eine bronzene Büste des Führers: "Um auch Ihnen vielleicht zur Ausschmückung Ihres Arbeitszimmers eine kleine Freude zu bereiten." 1937 erhielt Flick den Titel des "Wehrwirtschaftsführer", eine Auszeichnung, auf die zunächst rund 40, gegen Kriegsende 400 Unternehmer stolz sein konnten. Sein offizielle Funktion im NS-Staat lautete damit: "Verantwortlicher Mitarbeiter der Wehrmacht bei der Vorbereitung und Durchführung der Mobilmachung und bei deren Leitung im Kriege." Kurz zuvor war Flick der NSDAP beigetreten. Mitgliedsnummer: 5918393.
Der Lohn für die Anbiederung waren bevorzugte Behandlung bei der Vergabe von Rüstungsaufträgen. Zudem sorgte Göring in mindestens einem Fall persönlich dafür, dass Flick "arisiertes" jüdisches Eigentum übernehmen konnte. Nach zähem Ringen mit seinen "arischen" Konkurrenten übernahm der Flick-Konzern in den Jahren 1938 und 1939 die gigantischen Kohlegruben der tschechischen Familie Petschek zum Spottpreis. Zuvor hatte sich der gläubige Protestant mit staatlicher Unterstützung bereits die Mehrheit des Hochofenwerks Lübeck AG zu weniger als einem Viertel des Nennwerts gesichert, "um aus der Lü. ein wichtiges Instrument der Landesverteidigung zu machen", wie das Heereswaffenamt begründete.
Das schwärzeste Kapitel der Familiengeschichte schrieb Friedrich Flick in den Jahren 1939 bis 1945. Sechs Wochen nach dem Überfall auf Polen trafen in seiner oberpfälzischen Maxhütte die ersten polnischen Zwangsarbeiter ein. Mindestens 40.000 verschleppte Arbeiter aus ganz Europa schufteten in den Kriegsjahren für die Betriebe der Flick KG, darunter auch KZ-Häftlinge aus Buchenwald, Dachau, Groß-Rosen und Auschwitz. Die Ankläger in Nürnberg fassten 1947 zusammen: "Die Beweise in den Akten erlauben keinen Zweifel daran, dass die Zwangsarbeiter und die Kriegsgefangenen in den Ruhrbergwerken des Flick-Konzerns unter schrecklichen Bedingungen ausgebeutet wurden und dass Krankheit und Tod in ungeheurem Ausmaß die Folgen dieser Bedingungen waren. Auch ist es offensichtlich, dass in allen Betrieben des Flick-Konzerns besonders schlechte Bedingungen herrschten; in vielen Fällen waren die Unterkünfte elend, die Arbeitszeit übermäßig lang; Angst und Freiheitsentziehung, körperliche Leiden und Krankheit, Misshandlungen aller Art, darunter Auspeitschungen, waren an der Tagesordnung." Wie viele Menschen in den Fabriken von Friedrich Flick starben, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Tote wurden nicht gezählt. Die Zahl dürfte fünfstellig sein.
Vor dem Nürnberger Tribunal trat Friedrich Flick mit exzellenten Anwälten und einem Aktenordner mit Persilscheinen an. Sieben Jahre Haft lautete das Urteil. Im Januar 1950 wurde Friedrich Flick vorzeitig aus dem Landsberger Kriegsverbrechergefängnis entlassen. Drei Viertel seines Konzerns hatten im Osten des Reichs gelegen und waren damit verloren. Im Alter von 67 Jahren machte sich Friedrich Flick daran – mit der körperlichen Konstitution eines Adenauer gesegnet – ein zweites Mal das größte deutsche Privatunternehmen aufzubauen. Nach zehn Jahren Wirtschaftswunder war Flick wieder der reichste Deutsche seiner Zeit. Und wie in vielen anderen deutschen Familien wurde auch bei den Flicks mit dem Großvater über die Verbrechen im Dritten Reich nie gesprochen. Aus den Enkeln wurden dennoch weltläufige, sympathische Menschen, die ihr Leben zu genießen verstehen. Auch hierin unterscheidet sich die dritte Flick-Generation wohl wenig von der Mehrzahl der Deutschen um die 60, die in der Bundesrepublik aufgewachsen sind und keinen großbürgerlichen Hintergrund haben.
Friedrich Christian Flick sieht sich in historischer Verantwortung, nicht in historischer Schuld. Er gründete eine Stiftung gegen Rechtsradikalismus, eine Spende an überlebende Zwangsarbeiter hingegen lehnt er ab. Muck Flick will diese Haltung nicht kommentieren. Er fragt zurück: "Was halten Sie davon?" Die Frage klingt rhetorisch. Gert-Rudolf Flick und Schwester Ottmann haben beide in den Zwangsarbeiterfonds von Bundesregierung und Deutscher Wirtschaft eingezahlt. Wieviel es war, will der Wahllondoner nicht sagen. Die Summen, die er regelmäßig für karitative Zwecke in Großbritannien spendet, lassen vermuten, dass es mehr als ein symbolischer Beitrag war.
Als ausgerechnet Otto Graf Lambsdorff, zentrale Figur im Flick-Skandal von Onkel Friedrich Karl, Ende der 90er Jahre in deutschen Unternehmerkreisen um Spenden für Zwangsarbeiter warb, konnte sich die Familie nicht zu einer gemeinsamen Spende durchringen. Gert-Rudolf Flick bedauert das bis heute, "auch als Namensträger" wie er es nennt und fügt an: "Der Name Flick hallt immer mit einem Dreiklang: Drittes Reich, Zwangsarbeiter, Flick-Affäre”. In deutscher Diskurskultur ist eine Flick-Collection’ nach wie vor keine Sammlung-Mustermann’. Und wenn die Sammlung eines Familienmitgliedes zum Aufhänger einer historischen Debatte wird, betrifft das freilich alle "Namensträger". Mit der Bezeichnung Flick-Collection’ hatte die Familie deshalb von Anfang an Schwierigkeiten. Dass Mick die Sammlung reichlich spät in "Friedrich-Christian-Flick-Collection" umbenannt hat, begrüßt die Mehrzahl der Familiemitglieder. "Der Name kann schließlich missverstanden werden. Es ist ja nicht die Sammlung der Familie, sondern die meines Bruders. Und Friedrich Christian ist ja auch nicht der einzige von uns, der Kunst sammelt", sagt Gert-Rudolf Flick. Familienintern hatten er und Schwester Dagmar von Beginn an auf den Vornamen im Label gedrungen.
Gert-Rudolf sammelt italienischen Veduten, Stadtansichten des 18. Jahrhunderts. Bellotto, Guardi, Marieschi, Michallon, van Wittel. Zudem arbeitet der Privathistoriker an einem neuen Buch. Titel: Masters and pupils. Frühestens 2005 soll es erscheinen und der Frage nachgehen, wie sich Motive und Maltechnik von Rafael bis Manet fortschreiben. Sein erklärtes Ziel ist es, "über mehr Kenntnisse in der Kunstgeschichte zu verfügen, als über Bilder an der Wand.” Die Vermutung liegt nahe, dass sich auch dieser Satz gegen das Ausstellungsmarketing des Jüngeren richten könnte. Gert-Rudolf Flick würde das sicher bestreiten. Wie gesagt: Zu seinem Bruder möchte er weiter ein gutes Verhältnis haben. Und im öffentlichen Streit zwischen Frau Ottmann und Friedrich Christian Flick dürfte ihm im Privaten bald die Vermittlerrolle zufallen.
