Die WELT
7.8.2004
Flucht in die Kunst: Dagmar Ottmann, geborene Flick
Porträt
Dagmar Ottmann hat die Öffentlichkeit bisher gemieden. Mit ihrem offenen Brief an Salomon Korn und Michael Fürst hat sie sich jetzt an die Spitze der Kritiker der Sammlung ihres Bruders Friedrich Christian gesetzt. Auch sie ist der Meinung: Eine Flick-Collection sollte nicht Flick-Collection heißen - und auch nicht Friedrich-Christian-Flick-Collection. Der lange Schatten des mächtigen Großvaters Friedrich Flick hat die dritte Generation erreicht. Bereits der zweiten Generation ist es nie gelungen, aus diesem Schatten zu treten.
1972 erbte Friedrich Karl Flick, Onkel von Dagmar Ottmann, das größte deutsche Privatunternehmen, führte es mehr schlecht als recht und versilberte das Lebenswerk seines Vaters nach einer politischen Affäre, die den Namen der Familie trug. Bruder Otto-Ernst Flick, der Erstgeborene des autoritären Konzerngründers, hatte sich schon in den 60er Jahren mit dem Alten überworfen und aus dem Familienunternehmen rauskaufen lassen. Seine drei Kinder, in der Familie Muck, Mick und Dagmar genannt, haben sich bewusst aus der Unternehmertradition der Familie zu lösen versucht. Sie flohen in die Kunst.
"Ein Flick hat keine Chance, sich als Unternehmer zu profilieren. Wenn's klappt, sagen die Leute: Ist doch klar, bei den Voraussetzungen. Wenn's nicht klappt, überschlagen sie sich vor Schadenfreude" sagt Gert-Rudolf Flick ("Muck"). Er spricht auch für Kunstsammler Friedrich Christian ("Mick") und für Schwester Dagmar. Alle drei haben sich entschieden, ihr Leben den schönen Dingen zu widmen, weniger der Mehrung des Vermögens. Gert-Rudolf Flick, promovierter Jurist, betreibt an seinem Wohnsitz London kunsthistorische Privatforschung. Friedrich Christian ist mehr als ein Galerie-Großkunde mit dickem Scheckbuch. Er ist Sammler mit Haut und Haaren, besessen von der Kunst und den Künstlern, denen er nachjagt. Dagmar Ottmann floh in die Literatur, genauer in die Romantik. Sie promovierte über Ludwig Tieck und gründete eine Stiftung für Romantikforschung.
Ausgerechnet Romantik, möchte man meinen, jener literarischen Bewegung die in der Poesie den Fluchtweg aus der Prosa des Alltags erkannte und das Leben als Kunstwerk betrachten wollte. Die Schuld des Großvaters, der Zwangsarbeiter beschäftige, von jüdischen Enteignungen profitierte und der Wehrmacht im großen Stil Waffen lieferte, ist den Enkeln auf ihrer Flucht in die Kunst gefolgt. Und sie hat sie immer wieder eingeholt, wenn die Erben eigentlich Gutes tun wollten. Wahlengländer Gert-Rudolf Flick machte als erster diese Erfahrung, als er 1995 der Universität Oxford 350.000 # (damals 800.000 Mark) für einen "Flick-Lehrstuhl für die Geschichte der Europäischen Idee" zur Verfügung wollte. Sein Geld "schmutziger Herkunft" war nicht willkommen. "Warum Ehre für einen Kriegesverbrecher?", fragte die Times. Der gute Ruf Oxfords werde durch den Namen "Flick" beschmutzt. Gert-Rudolf Flick zog die Spende zurück. Friedrich Christians geplanter Museumsbau in Zürich scheiterte an der kollektiven Empörung des schweizerischen Kulturestablishments (das übrigens zu einem großen Teil deutscher Herkunft ist). Die Schwester organisierte ihr wissenschaftliches und karitatives Engagement bislang in aller Stille. Das war wohl auch deshalb leichter möglich, weil sie den Familiennamen nicht mehr führt.
Mit dem offenen Brief hat die Schwester jetzt öffentlich gemacht, dass es auch innerhalb der dritten Flick-Generation erhebliche Meinungsverschiedenheiten darüber gibt, wie mit der eigenen Familiengeschichte umzugehen ist. Der Bruder wird ihr diese Attacke kurz vor Ausstellungseröffnung übel nehmen, dennoch wird die Sammlung pünktlich am 21. September unter dem Label Friedrich-Christian-Flick-Collection öffnen. Im Mittelpunkt des Interesses wird dann nicht die Kunst stehen, sondern die Familie, der Name, der Großvater. Wie gesagt: Mit ihrem Leben mit der Kunst wollten sich die drei Enkel bewusst aus der Unternehmertradition der Familie zu lösen. Die Flucht ist gescheitert.
Thomas Ramges Familienbiografie "Die Flicks" ist im August 2004 bei Campus erschienen.
