brand eins
Juli 2004
Die DINer
Normen erleichtern den Export – und tragen damit zu einem Drittel des deutschen Wirtschaftswachstums bei. In Berlin arbeiten 700 Normer daran, Deutschland und die Welt kompatibel zu machen.
Es gibt da diese blöde Geschichte mit den krummen Gurken. Thorsten Bahke bekommt sie immer wieder zu hören. Die Europäische Kommission erließ eine Direktive, die den europäischen Gurkenbauern vorschrieb, ihr Gemüse mit einem bestimmten Krümmungswinkel zu züchten. Nach Einschätzung der Agrareurokraten passten krumme Gurken besser in Einmachgläser. Der europäische Gurkenmarkt sollte einheitlicher, transparenter, besser werden. Mehr Gurkenwachstum! Die Direktive geriet zum Treppenwitz. Wann sie erlassen wurde, weiß Deutschlands Chef-Normer Thorsten Bahke nicht so genau. Muss er auch nicht, denn mit der Gurken-Direktive hat weder er noch sein Deutsches Institut für Normung e.V, kurz DIN, etwas zu tun. Doch dummerweise wird das DIN immer wieder mit den Gurkenkrümmern der EU-Kommission in einen Topf geworfen.
"Normung hat ein Imageproblem" gibt Bahke zu. Seit sechs Jahren steht er dem DIN vor. Zudem ist er Vizepräsident des mächtigen Normungs-Weltverbandes, der ISO. Grauer Scheitel, blauer Anzug, freundlicher Ton. Der promovierte Maschinenbauer vermittelt in gleichem Maße Ingenieurstugend und Weltläufigkeit. Seit sechs Jahren kämpft Bahke beharrlich gegen Vorurteile von Ärmelschonern und Regelungswut, mit denen das DIN auch jenseits der Eurogurken in Verbindung gebracht wird. In vielen Köpfen fällt das Bild des Instituts wie folgt aus: In einer siebenstöckigen Behörde nahe des Berliner Bahnhof Zoo erfindet ein Heer ordnungsliebender Beamter immer neue Vorschriften, die den Alltag ihrer Mitmenschen von der Größe eines Fußballtores (DIN 7900, die vielleicht noch Sinn macht) bis zur idealen Beschaffenheit von Knöpfen für Feuerwehruniformen (DIN 14941, die nun wirklich lächerlich ist) verbindlich regeln. Richtig ist: Das DIN veröffentlicht Normen, die gelegentlich ein wenig pedantisch wirken. Falsch ist: Das DIN ist keine Behörde, sondern ein Verein. Für den arbeiten entsprechend auch keine Staatsbeamten mit hoheitlichen Aufgaben, sondern Vereinsangestellte, die zwischen "interessierten Kreisen" ein Normierungsverfahren moderieren und das Ergebnis veröffentlichen. Die Normen des DIN sind per se auch nicht rechtsverbindlich. Kein Hersteller muss Feuerwehruniformen nach DIN nähen. Wenn er sich allerdings dafür entscheidet, darf er mit der DIN-Norm werben und signalisiert seinem Kunden: Mein Produkt hat eine bestimmte Größe (zum Beispiel die Kleidergrößen 48-56) und erfüllt einen bestimmten Qualitätsstandard.
"Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aus sieht: Unsere Normen tragen zur Deregulierung bei", sagt Bahke, das Imageproblems seines Vereins stets im Hinterkopf. DIN-, CEN- (die europäische Norm) und ISO-Normen sind freiwillige Vereinbarungen, auf die sich verschiedene Hersteller einigen, um effektiver produzieren und besser vermarkten zu können. Je stärker sich eine Volkswirtschaft nach innen und außen vernetzt, desto wichtiger werden Normen. Torsten Bahke ist überzeugt: "Für unsere exportorientierte Wirtschaft ist internationale Normung nach wie vor von wachsender Bedeutung." Das Fraunhoferinstitut für Systemtechnik und Innovation und die Technische Universität Dresden kamen in einer Studie zu dem Schluss, dass die systematische Gleichmacherei des DIN der deutschen Wirtschaft 16 Milliarden Euro spart. Wenn Muttern immer zu Schrauben, Steckverbindungen zu Elektronikbauteilen und Strichcodes zu Scannern passen, weil man sich vorher auf technische Standards geeinigt hat, bedeutet das einfachere Produktion. Effektivere Produktion bedeutet Wachstum. Die DIN-Normen sind laut Fraunhofer-Studie zu einem Drittel für das deutsche Wirtschaftswachstum verantwortlich. Und für Wachstum ist in Deutschland bekanntlich vor allem der Export zuständig. Damit wäre Torsten Bahke bei seinem Lieblingsthema: Deutschland, die Norm und die Welt. Das Thema hat bei ihm biografische Dimension.
Wer die Norm macht, hat den Markt
Bevor er auf den Chefsessel im DIN kletterte, war Bahke im technischen Vertrieb von Krupp dafür zuständig, weltweit Aufträge im Bereich Fördertechnik zu akquirieren. Die erste Frage in der Montagsrunde habe immer gelautet: Nach welcher Norm wurden welche Aufträge ausgeschrieben. Krupp baut seine Förderanlagen nach DIN. Eine Anlage nach amerikanischen Normen zu errichten, bedeutet Mehrkosten von acht bis zehn Prozent. "Wir haben oft ein Parallelangebot in DIN abgegeben, das eigentlich nicht den Ausschreibungsbedingungen entsprach, und dann oft mit dem DIN-Angebot gewonnen", erinnert sich der Mittfünfziger. Wer die Norm macht, hat den Markt — oder zumindest Marktvorteile. Entsprechend groß sind die Anstrengungen des DIN, deutsche Normen in das internationale Normenwerk einzubringen.
Weltnormvize Bahke ist nur die personelle Spitze. Einem Drittel der Sekretariate des europäischen Normungsinstitutes CEN stehen deutsche Normer vor. Franzosen und Engländer halten hier jeweils 20 Prozent. Bei der ISO mit ihren 149 Mitgliedsstaaten präsidieren Deutsche in 17 Prozent der Ausschüsse. Nur die USA haben mit 19 Prozent einen höheren Anteil. In vielen Branchen lässt sich der Erfolg klar bemessen. Die internationalen Normen für Verladekräne stammen nahezu vollständig aus Deutschland. Die deutsche Kranindustrie ist mit großem Abstand Weltmarktführer. Bei mobilen Ladekränen, wie sie beispielsweise in Häfen zum Einsatz kommen, halten die Hebewerke "Made in Germany" weltweit einen Anteil von 80 Prozent. Im Maschinenbau gehen zwei Drittel des internationalen Normenwerks auf DIN-Normen zurück, in der Elektrotechnik sind es gar 80 Prozent. "Auch hier liegt die Exportquote deutscher Firmen überdurchschnittlich hoch", referiert Bahke und lächelt, als ginge jeder zusätzlich verdiente Euro an die Kasse seines Instituts. Dem ist freilich nicht so. Das DIN finanziert sich zum größten Teil über seinen Beuth-Verlag, der die Nomen publiziert und vertreibt. Internationale Normungsarbeit hat in der Politik des Hauses Priorität, seit Bahke am Ruder ist. Personal und Budget werden entsprechend eingesetzt.
Was nicht passt, wird passend gemacht
90 Prozent aller neuen DIN-Normen sind von Geburt an auch CEN- oder ISO-Normen. Und jede CEN- und jede ISO-Norm, selbst wenn Deutschland an ihrer Entstehung nicht beteiligt war, geht automatisch in das deutsche Normwerk ein. Sollte eine bestehende DIN-Norm dem internationalen Standard widersprechen, wird sie angepasst. Das Ziel ist klar: Deutsche Firmen sollen in einer immer enger vernetzten Weltwirtschaft an allen Schnittstellen kompatibel sein. Die europäische Union, Russland und die wichtigen asiatischen Volkswirtschaften ziehen hier weitgehend an einem Strang und geben internationalen Normen Vorrang vor nationalen. Was nicht passt, wird passend gemacht. Alleine die USA versuchen, zwar eigene Standards in die Welt zu tragen, den amerikanischen Markt aber mit nationalen Normen abzuschotten, um ausländischen Wettbewerben das Leben schwer zu machen. In einzelnen Segmenten funktioniert diese Strategie.
Im Anlagenbau der Erdölindustrie und beim Flugzeugbau ist der US-Markt nach wie vor schwer zugänglich. Auch im Irak schreiben die Amerikaner Wiederaufbauprojekte gezielt in amerikanischen Normen aus, um heimischen Firmen Vorteile zu verschaffen. Microsoft hat sich für die radikalste Variante entschieden, sich nie um nationale oder internationale Normung geschert, sondern einfach eigene Standards gesetzt. Jetzt klickt die Welt nach den Privatnormen von Bill Gates. DIN-Chef Bahke ist sich dennoch sicher, dass die amerikanische Volkswirtschaft an jeder Form von nationalem Normenprotektionismus langfristig Schaden nehmen wird. Denn je einiger sich der Rest der Welt sei, desto schwieriger werde es für amerikanische Firmen, ganz vorne im Welthandel mitzumischen. Ein gutes Beispiel hierfür sind Handynetze. Nachdem sich bei Asiaten, Russen und Europäern der GSM-Standard durchgesetzt hatte, zogen nach langem Zögern die amerikanischen Netzbetreiber nach. Auch bei Handys gilt der Urgedanke der Normung: Wenn alle nach einem Standard produzieren, lassen sich Kosten senken. Verschiedene Handytechniken für verschiedene Märkte machen das Unterfangen unnötig teuer.
Der schnelle Weg zur Schnittstelle
Eines der spannendsten internationalen Normungsvorhaben steht zur Zeit in der Biometrie an. Drei technische Verfahren, Menschen eindeutig zu identifizieren, stehen zur Verfügung: Vermessung der Iris, Scannen der Kopfform, elektronische Erkennung des Fingerabdrucks. Dutzende Firmen arbeiten weltweit parallel an den verschiedenen Techniken. Soll ein elektronischer Code einmal das Foto im Pass ergänzen, wird sich die Welt — oder zumindest ein großer Teil von ihr — auf einen einheitlichen Standard einigen müssen. Je früher dies geschieht, desto schneller könnte eine der Techniken marktfähig werden. In der Nano- und in der Lasertechnik gibt es vergleichbare Beispiele. Ziel der Normungsinstitute ist es deshalb immer mehr, bereits in der Entwicklungsphase verschiedene Produzenten an ihre runden Tische zu bekommen.
"Normung beschleunigt Innovation, wenn man sich frühzeitig auf gemeinsame technische Plattformen einigt", sagt Bernd Hartlieb, der beim DIN für "entwicklungsbegleitende Normung" zuständig ist. Dazu gehört auch die ständige Suche nach neuen Feldern, bei denen technische Gleichmacherei Sinn machen könnte. Hierzu zählt die Brennstoffzelle. Die kann Autos antreiben, aber auch in stationären Kraftwerken zum Einsatz kommen. Normierte Schnittstellen für die Energieübertragung machen die Technik wegen höherer Stückzahlen für beide Anwendungen billiger — und damit früher einsatzbereit. Auch in der digitalen Welt wächst die Bedeutung von Schnittstellen weiter. Wenn die Speicherkarte nicht in die Kamera, die Kamera nicht zum Computerkabel und der Computer nicht zum Farbdrucker passen, wird es für den Verbraucher ärgerlich und teuer. Vernetzung von Technologien verlangt nach Normen. Die Normer müssen also keine Sorge haben, dass ihnen die Arbeit ausgehen könnte. Und das gilt nicht nur im Bereich der Hoch-Technologie
Der genormte Sargträger
Immer mehr deutsche und europäische Normen vereinheitlichen Dienstleistungen. "In der Normung spiegelt sich der Wandel von der Produktionsgesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft", sagt Holger Mühlbauer. Der gelernte Jurist leitet beim DIN unter anderem Normungsverfahren zu "Vermögensberatung, öffentlichem Personennahverkehr, Wach- und Sicherheitsdiensten, Reinigungsdienstleistungen in öffentlichen Gebäuden, Tauchbasen für Freizeitsportler, Marktforschung, Übersetzungsbüros, betreutem Wohnen für Senioren, eignungsdiagnostischen Verfahren in der Personalauswahl und Anforderungen an Lohnsteuerhilfeberatungsvereine". Am Ende der Aufzählung lächelt Mühlbauer wie Chef Bahke bei den Kran-Exporten. Im Reich der Dienstleistungen betritt das DIN meist normfreies Land. Ziel ist hier, Leistungen vergleichbar zu machen. Das soll zum einen Verbrauchern helfen. Kunden eines eurogenormten Hotels in Südspanien wissen künftig, dass die Prospektangabe "strandnah" auch hält, was sie verspricht. Falls nicht, können sie klagen. Zum anderen vereinfachen Dienstleistungsnormen öffentliche Ausschreibungsverfahren. Ab einer bestimmten Größe müssen öffentliche Dienstleistungsaufträge in der EU, zum Beispiel Wachdienstaufgaben, europaweit ausgeschrieben werden. Die branchenüblichen Anforderungen schwanken aber von Land zu Land, was immer wieder zu Missverständnissen und Fehlbesetzungen führt. Mit Hinweis auf eine Euronorm können künftig alle Wachdienste von Schweden bis Portugal genau einschätzen, welche Leistung eine französische Kommune von ihnen erwartet, und ein entsprechendes Angebot einreichen.
Der Normungsprozess läuft bei den Dienstleistungen noch nicht ganz so rund, wie bei technischen Produkten, der historischen Keimzelle der Normen. "Ich habe es in meinen Normkommissionen meist mit Juristen, BWLern oder Psychologen zu tun", erklärt Mühlbauer. Im Unterschied zu Ingenieuren, die bereits im Studium mit Normung konfrontiert werden, müssen die Dienstleister die Spielregeln häufig erst lernen. Die sind hier wie da die gleichen: Am runden Normtisch müssen alle kompromissbereit sein. Von einem guten Kompromiss profitieren dann auch alle.
Die Norm selbst ist selbstverständlich auch genormt, nach DIN 810: "Die Normung ist die planmäßige, durch die interessierten Kreise gemeinschaftlich durchgeführte Vereinheitlichung von materiellen und immateriellen Gegenständen zum Nutzen der Allgemeinheit." Die Vereinheitlichung soll die Deutschen übrigens künftig bis ins Grab begleiten. DIN 77300 will die "Anforderungen an Bestattungsdienstleistungen" normieren. Laut Entwurf ist ein Sargträger eine "geeignete, qualifizierte Person für das Geleiten des Sarges von Hand oder mittels eines Sargtransportwagen zum Grab und für das Absenken des Sarges in das Grab von Hand oder mittels eines Sargversenkungsautomaten." Auch diese Geschichte bekommt Torsten Bahke immer wieder zu hören, und auch die hört er nicht besonders gerne. "Weil so etwas von unseren eigentlichen Aufgaben und Verdiensten ein wenig ablenkt." Im Unterschied zu den krummen Gurken kommen die genormten Sargträger aber tatsächlich aus dem DIN.
