Die ZEIT
23.10.2003

Irgendwas mit ü

Die Affäre um den angeblich schwulen Bundeswehrgeneral Günter Kießling entwickelte sich 1983/84 zu einer Groteske der Sonderklasse - und bereitete zugleich Kanzler Kohls "geistig-moralischer Wende" ein frühes Ende

Es begann mit einer Plauderei. Werner Karrasch, stellvertretender Personalratsvorsitzender im Bundesministerium der Verteidigung, gab einem geschätzten Kollegen einige Tipps zur Karrieregestaltung. Artur Waldmann vom Amt für die Sicherheit der Bundeswehr wollte gerne Abteilungsleiter werden.

Ganz nebenbei kamen die beiden Beamten auf den ranghöchsten General der Bundeswehr zu sprechen, auf Günter Kießling, den stellvertretenden Oberbefehlshaber der Nato in Brüssel. Karrasch waren Gerüchte zu Ohren gekommen, dass Kießling "homosexuelle Neigungen" habe. Zwar war die Männerliebe seit 1969 in der Bundesrepublik nicht mehr strafbar, nach den Richtlinien der Bundeswehr jedoch wurde sie als "abnormes Verhalten auf sexuellem Gebiet" und damit als Sicherheitsrisiko eingestuft: Wer schwul ist, muss dies geheim halten und ist deshalb erpressbar. Kießling war, höchst verdächtig, unverheiratet - zu offiziellen Empfängen tauchte er immer mit seiner Sekretärin auf. Seine freie Zeit verbrachte der Privathistoriker meist in Bibliotheken - bei den obligaten Golfrunden der anderen Brüsseler Generale spielte er nie mit. Waldmann wurde hellhörig, schließlich war sein Amt für Sicherheitsrisiken zuständig. Nach zehn langen Jahren im Rang eines Regierungsdirektors witterte er die große Karrierechance.

Einige Tage später setzte er einen Bericht an seinen Vorgesetzten auf: "Unter Quellenschutz erklärte am 27. 7. 83 MinRat Karrasch BMVg - HPR -, daß Gen. Dr. K. wegen seiner angeblichen homosexuellen Veranlagung von dem Nato-Befehlshaber General Rogers nicht mehr persönlich empfangen werde. Er sei ,händchenhaltend' mit einem Obersten gesehen worden. Der Versuch, ihn wegen seiner homosexuellen Veranlagung dienstunfähig zu schreiben, sei an der Weigerung des zuständigen San[itäts]-Arztes gescheitert."

Ein Mann will nach oben

Aus einer Plauderei war damit ein aktenkundiger Vorgang geworden, der, ein Jahr nach dem Amtsantritt von Helmut Kohl als Bundeskanzler, den ersten Sittenskandal von politischem Gewicht in der Geschichte der Bundesrepublik auslösen sollte. Von heute aus betrachtet, genau zwei Jahrzehnte später und zu einer Zeit, da an der Spitze der beiden größten deutschen Städte zwei mehr oder weniger bekennende schwule (SPD- wie CDU-)Politiker stehen, erscheint diese Affäre kaum mehr nachvollziehbar und nur durch das seit tausend Jahren selten gelüftete deutsche Militärmilieu zu erklären. Aber schon 1983/84 spielte die Öffentlichkeit nicht die Rolle, die ihr obrigkeitsseits im Stillen wohl zugedacht war: Das Triebschicksal eines Generals konnte niemanden mehr ernstlich entrüsten. Am Ende solidarisierte man sich mit dem Düpierten - und ein ganzes Ministerium geriet ins Wanken.

Doch zunächst nahm die Sache ihren feldgrauen Dienstweg. Artur Waldmann, der Mann, der nach oben wollte, schickte seinen Bericht an seinen Vorgesetzten und wies den Militärischen Abschirmdienst (MAD) in Bonn an, gegen General Kießling "mit Vorrang in Brüssel" die Ermittlungen aufzunehmen. Doch dem MAD erschienen Recherchen im Nato-Hauptquartier zu heikel, zumal die Weisung nicht vom Verteidigungsminister persönlich kam. Auch Waldmanns Vorgesetzte beim Amt für die Sicherheit der Bundeswehr waren vom forschen Vorgehen ihres Beamten wenig angetan. Der Regierungsdirektor mit Aufstiegsambitionen musste seinen Auftrag telefonisch zurückziehen. Plan B kam zur Anwendung.

General Kießling hatte acht Jahre lang in Köln gewohnt, damals wie heute keine Stadt von Traurigkeit. Waldmann rief beim MAD in Düsseldorf den Stabsfeldwebel Jürgen Idel an, da dieser über gute Kontakte zur Kölner Kriminalpolizei verfügte. Kurzer Dienstweg: Ohne das offiziell erforderliche Amtshilfeersuchen bat Idel einen leitenden Kripo-Kollegen, seine Männer sollten sich mal in der Kölner Schwulenszene ein wenig umhören. Kein Problem, Kommissar Helmut Simon ermittelte sowieso gerade wegen eines Mordes an einem Strichjungen. Am 5. September zog er mit einem Kollegen durch die Kölner Bars, ein Passbild von Kießling in der Hand. Viel Bedeutung maß Simon dem Fall nicht zu. Er war von seinem Vorgesetzten nicht einmal unterrichtet worden, um wen genau es sich auf dem Foto handelte. Irgendjemand von der Bundeswehr halt, Vorname Günter, mehr wusste er nicht. Dennoch: Keine 150 Meter vom Polizeipräsidium entfernt, in der Stricherkneipe Café Wüsten, konnte Simon seinen ersten Ermittlungserfolg verbuchen. Der Wirt war sich sicher, den Mann vor länger als zehn Jahren einmal im Café gesehen zu haben.

Hat der General "an sich herumgespielt"?

Die nächste Station war die Tom-Tom-Bar. Auch hier kam der Mann auf dem Foto dem Wirt bekannt vor, doch sicherheitshalber solle Simon sich an Büfettier Micha Lindlahr wenden. Lindlahr hatte keine Zweifel: Der Mann käme manchmal zwei oder drei Tage hintereinander ins Lokal, dann wieder längere Zeit nicht.

Günter oder Jürgen hieße er, jedenfalls irgendwas mit "ü", und sei ein Wachmann "von der Bundeswehr". Daraufhin sagte angeblich ein anderer Gast im Lokal: "Nein, der ist ein ganz hohes Tier bei der Bundeswehr."

Der Kommissar hatte seine Schuldigkeit getan. Seinem Vorgesetzten teilte er mit, die Person auf dem Foto sei "von der Szene" als "Günter von der Bundeswehr erkannt worden". Einige Tage später tauchte MAD-Stabsfeldwebel Idel wieder bei der Kölner Kripo auf, holte Foto und Ermittlungsergebnis ab und erklärte: "Den Fall könnt ihr vergessen, wir machen jetzt selber weiter."

Zum Abschied bat er noch darum, die Sache "unter uns Kollegen zu halten". Telefonisch meldete Idel seinem Auftraggeber Waldmann den Fahndungserfolg, regte aber an, weitere Ermittlungen einzuleiten. Waldmann hielt dies nicht für notwendig. Stattdessen leistete er Formulierungshilfe für Idels Bericht.

In dem hieß es dann, Kießling sei im Café Wüsten "aus einer Serie von Fotos eindeutig als ,Günter von der Bundeswehr'" identifiziert worden. Im Tom-Tom verkehrte "Günter" laut dem Bericht "monatlich" und pflegte "Kontakt zu jugendlichen Strichern gegen Bezahlung". Davon war bislang nie die Rede gewesen.

Die Halbwahrheiten erreichten schließlich den Leiter des MAD, Helmut Berendt. Der informierte schließlich Verteidigungsminister Manfred Wörner (CDU). Am 15. September beorderte Wörner den Viersternegeneral ins Ministerium und konfrontierte ihn mit den Vorwürfen. Kießling bestritt, homosexuell zu sein, und gab dem Minister sein Ehrenwort. Wörner erklärte, er glaube Kießling, könne als Minister jedoch nicht verantworten, dass der General angesichts des Verdachtes im Amt bleibe.

Der Minister unterbreitete einen Vorschlag: Kießling, der ja ohnehin vorzeitig ausscheiden wolle, solle bereits zum 31. Dezember in den Ruhestand gehen. Auf diese Weise könnten Gegenüberstellungen und öffentliches Aufsehen vermieden werden. Kießling erbat sich vier Tage Bedenkzeit. Bei einem zweiten Treffen auf der Bonner Hardthöhe wies er noch einmal alle Vorwürfe zurück, erklärte sich aber bereit, zum 31. März 1984 den Abschied zu nehmen. Ferner erwartete der General eine schnelle Klärung der Vorwürfe. Diese sicherte Wörner zu. Man schien sich einig, die Affäre möglichst geräuschlos aus der Welt zu schaffen.

Doch auf "Klärung" wartete der General vergeblich. Der MAD schnüffelte weiter. Anfang Dezember legte MAD-Chef Berendt der Hardthöhe einen zweiten Bericht vor, der auf knapp zwei Seiten die heißen Verdachtsmomente aus der Kölner Szene wiederholte. Beigefügt war angeblich das brisante Schreiben eines Militärarztes, der berichtete, wie der General vor Jahren in seinem Behandlungszimmer einmal "an sich selbst herumgespielt" habe.

Als erschwerend werteten die MAD-Fahnder, dass Kießling seine "eindeutigen" Kontakte zur Kölner Schwulenszene hartnäckig bestreite, was ihn erst recht erpressbar mache. Volljurist Wörner fragte nach, ob der MAD Verwechslungen und Irrtümer ausschließen könne. Berendt gab sich selbstbewusst: Die Erkenntnisse habe nicht nur der MAD, sondern auch das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt geliefert. Dies war eindeutig falsch. Amtshilfe war ja gerade nicht beantragt, sondern die Kripo Köln bloß um einen kleinen Gefallen gebeten worden. Der Verteidigungsminister machte sich das Urteil zu Eigen und entschied am 8. Dezember: Entlassung nach Paragraf 50 des Soldatengesetzes zum 31. Dezember 1983. Kießling sollte nicht mehr in der Sache angehört werden. Eine Verabschiedung mit dem Großen Zapfenstreich und offiziellem Empfang würde es nicht geben. Gründe musste der Minister laut Soldatengesetz nicht nennen.

Am 13. Dezember setzte das Ministerium Kießling von dem Beschluss in Kenntnis. Einen Tag vor Heiligabend solle er "in Zivil" auf der Hardthöhe erscheinen und seine Entlassungsurkunde aus den Händen von Staatssekretär Joachim Hiehle entgegennehmen - der Minister hatte sich bereits in den Weihnachtsurlaub entschuldigt. Die Verabschiedung geriet zum entwürdigenden Zeremoniell. Während Hiehle Kießling anwies, Aufstellung zu nehmen, und ihm dann den Dank des Vaterlandes vom Zettel las - "Für die dem deutschen Volk geleisteten treuen Dienste spreche ich ihm Dank und Anerkennung aus" -, wurden in der Teeküche nebenan rasch Sektgläser gespült. Kießling verließ den Raum, ohne dass die Sekretärinnen noch die Gelegenheit bekamen, zu servieren. Zuvor hatte er dem Staatssekretär einen Brief an den Minister überreicht. In diesem beantragte der General ein Disziplinarverfahren gegen sich selbst. Kießling ging in die Offensive.

Der Minister sucht Stricher

Kurz nach Weihnachten räumte er seine Dienstvilla in Brüssel. Inzwischen nahm die Presse Witterung auf. Wörner entläßt General Kießling titelte am 5. Januar die Süddeutsche Zeitung. In einem Kommentar wurde spekuliert, das gespannte Verhältnis zu US-General Rogers könne der Grund für die vorzeitige Pensionierung sein. Am Abend war in der Tagesschau vom "Verdacht auf Sicherheitsrisiko" die Rede. Am nächsten Morgen verkündete Bild: Homosexualität? - Hoher deutscher General gestürzt.

Nun ging Kießling auch öffentlich zum Gegenangriff über. In mehreren Interviews bestätigte er, dass er wegen ebendieses Vorwurfs entlassen worden war. Zugleich gab er den Journalisten sein Ehrenwort, völlig unschwul zu sein. Im Gegenzug konstatierte Verteidigungsminister Wörner vor den Kameras des ZDF: "Jeder Irrtum ausgeschlossen."

Nach und nach kam ans Licht, wie der MAD seine "eindeutigen Beweise" gesammelt hatte. Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen gab bekannt, dass sein Landeskriminalamt an den Ermittlungen nicht beteiligt war. Ein Reporter des Kölner Express wandte sich schließlich selbst an den Kronzeugen Micha Lindlahr im Tom-Tom, und der war sich seiner Sache plötzlich gar nicht mehr so sicher. Keinen "Günter von der Bundeswehr" habe er als Gast identifiziert, sondern einen "Jürgen von der Bundeswehr", einen Wachmann, der immer im Parka auftauche und Cola mit Steinhäger trinke. Der stern druckte bald darauf ein Foto von "Jürgen", der Kießling in der Tat ein wenig ähnlich sah.

Verteidigungsminister Wörner, Oberstleutnant der Reserve und ehemaliger Kampfflieger, geriet immer stärker unter Druck. SPD und Grüne warfen ihm vor, durch sein blindes Vertrauen zum MAD seine Sorgfalts- und Fürsorgepflichten grob verletzt zu haben. Geheimdienstexperten bescheinigten dem Dienst durchweg "Dilettantismus". Nicht die einfachsten Regeln des Handwerks seien beachtet worden. Um einem hohen Militär Erpressbarkeit nachzuweisen, hätte er observiert und Beweismaterial beschafft werden müssen.

Mitte Januar hatte die Kriminalpolizei zwei neue Zeugen aufgetan, die Kießling angeblich aus der Schwulenszene kannten. Wörner lud sie am 19. Januar persönlich ins Ministerium ein. Die Kronzeugen entpuppten sich als schillernde Gestalten: Der eine, ein ehemaliger Ordensnovize, war Mitgründer der Partei der Homophilen, der andere Ex-Stasi-Mitarbeiter und Generalsekretär der rechten Bewegung Die Christlich-Konservativen. Zwanzig Minuten lang lauschte der Minister ihren wirren Reden.

Einen Tag später ließ Wörner den Schriftsteller und Ex-Chefredakteur der Schwulenzeitschrift du und ich, Alexander Ziegler, samt Sekretär erster Klasse aus der Schweiz einfliegen. Ziegler, 1977 ein bisschen bekannt geworden durch die Fernsehverfilmung seines schwulen Emanzipationsromans Die Konsequenz in der Regie Wolfgang Petersens, hatte sich brieflich als Zeuge angeboten. Er wollte nachweisen, dass Kießling mit einem Düsseldorfer Stricher namens Achim Müller intimen Kontakt gehabt hatte. Vor dem Treffen ließ Ziegler sich schriftlich zusichern, dass seine Anonymität gewahrt bleibe, solange er darauf bestehe. Auf der Hardthöhe angekommen, konnte der Schweizer nur ein Skript vorweisen, dass vorgeblich ein Telefongespräch zwischen Stricher Müller und Kießling protokollierte. Das Tonband dazu war verschwunden, ebenso Achim Müller. Wörner ließ Ziegler seine Aussage eidesstattlich versichern. Daraufhin wurden sämtliche 304 Wehrpflichtige mit Namen "Achim Müller" ermittelt, bei 22 überprüften die Kreiswehrersatzämter die Personalunterlagen - ergebnislos.

Ungeschickterweise hatte die Bundeswehr über Ziegler keine Erkundigungen eingezogen. Wörners Kronzeuge war in schwulen Kreisen lange als "Affären-Jongleur" bekannt, der 1979 den österreichischen Außenminister zu Unrecht "geoutet" hatte. Immer mehr hohe Militärs fanden ihren vorübergehend unterdrückten Mut wieder und stellten sich jetzt öffentlich hinter Kießling.

General a. D. Gerd Schmückle sprach von der "Mobilisierung ... der internationalen Stricherszene": "Selbst bei größter Anstrengung hätte Kießling nicht den Schaden anrichten können, der durch die Behandlung des Falles durch das Ministerium entstanden ist." Für den Parlamentarischen Geschäftsführer der Grünen Joschka Fischer war der immer fahriger agierende Minister nur noch "der Manfred von der Bundeswehr".

Auch in den eigenen Reihen verlor Wörner rapide an Rückhalt. In einer Fragestunde im Bundestag Mitte Januar hatte die CDU/CSU-Fraktion ihren Mann noch uneingeschränkt verteidigt. Eine Woche später orakelte ihr Parlamentarischer Geschäftsführer, Kohls treuer Adlatus Wolfgang Schäuble, in einem Interview: "Nach der Rückkehr von Helmut Kohl" - der Kanzler befand sich gerade auf Staatsbesuch in Israel - "muß entschieden werden." Mancher sah hierin eine verschlüsselte Aufforderung, sich von Wörner zu trennen. Auch der CSU-Vorsitzende (und Ex-Verteidigungsminister) Franz Josef Strauß meldete sich aus München zu Wort. Er hatte mit Kießling ein längeres Gespräch geführt und befand: "Wenn der General nicht die Wahrheit sagt, muss er ein ganz großer Schauspieler sein." In einem Interview der Welt brachte der bayerische Ministerpräsident sich postwendend selber als möglichen Nachfolger Wörners ins Gespräch: Das Amt wolle er "wie eine Einberufung" auf sich nehmen.

Helmut Kohl hatte bisher geschwiegen und abgewartet, wohin der Hase läuft. Doch Strauß' Angebot musste ihn misstrauisch machen, da der Bayer das Amt des Verteidigungsministers bei der Regierungsbildung noch abgelehnt hatte.

Offenbar spekulierte er jetzt darauf, einen durch die Kießling-Affäre geschwächten Kanzler überrumpeln zu können - zumal im Hintergrund der Flick-Skandal weiterköchelte, der besonders den Wechsel-Koalitionär FDP ins Wanken gebracht hatte.

Helmut Kohl hat gute Laune

Taktiker Kohl entschloss sich zu handeln - auf seine Weise. Das Rücktrittsangebot Wörners lehnte er ab. Dafür wies er seinen Verteidigungsminister an, die Ermittlungen gegen Kießling einzustellen und den General möglichst schnell zu rehabilitieren. Alle Recherchen des inzwischen gänzlich desavouierten MAD hatten bis Ende Januar zu keinen belastenden Ergebnissen geführt. Wörner stand mit dem Rücken zur Wand und lenkte ein. Wie ursprünglich vereinbart, sollte Kießling zum 31. März in den vorzeitigen Ruhestand treten und dann mit militärischen Ehren verabschiedet werden. Die Regierung bot noch zwei Bauernopfer: Staatssekretär Hiehle ging in den vorzeitigen Ruhestand - auch MAD-Chef Berendt musste seinen Posten räumen.

Am 1. Februar nahm Günter Kießling auf der Hardthöhe seine Wiederernennungsurkunde entgegen. Diesmal händigte sie der Minister, starren Blicks, persönlich aus. Wörners Karriere schadete der Skandal nicht sonderlich. 1988 wurde er Nato-Generalsekretär, ein Amt, das er bis zu seinem frühen Tod 1994 innehatte. Kießling indes war rehabilitiert und widmete sich fortan ganz seinen militärtheoretischen Forschungen. Er lebt heute in Rendsburg - 1993 erschienen seine Memoiren: Versäumter Widerspruch.

Noch am Tag der Rehabilitierung zog Helmut Kohl seinen Schlussstrich. Gut gelaunt erklärte er vor der Bundespressekonferenz: "Der General hat bittere Wochen durchmachen müssen", aber "auch für Manfred Wörner war dies eine Zeit, an die er sicher noch lange zurückdenken wird". Dem Kanzler schallte heftiges Gelächter entgegen. Der groteske Skandal, der beinahe den Ruf eines integren Mannes zerstört hätte, war endgültig zur Posse geworden. Und Kohl hatte gezeigt - "geistig-moralische Wende" hin oder her -, wie er in den nächsten Jahren zu regieren gedachte: mit viel, sehr viel Sitzfleisch.

Der Autor ist Historiker und arbeitet als Politischer Korrespondent bei Deutsche Welle TV in Berlin. Mehr zum Thema in seinem Buch "Die großen Polit-Skandale - Eine andere Geschichte der Bundesrepublik" (278 S., 21,50 EUR), das im Campus Verlag, Frankfurt a. M., erschienen ist