Rheinischer Merkur
3.7.2003
Am Pranger des Anstands
Wer überlebt Affären und Gerüchte? Wer stürzt ab? Die bundesdeutsche Geschichte ist arm an Beispielen, aber reich an Erkenntnissen.
Im Leben des Franz Josef Strauß war der Skandal ein ständiger Begleiter. Die Liste seiner Vergehen wurde von Jahr zu Jahr länger: Ämterpatronage, Amtsanmaßung, Nepotismus, Beleidigung. Da durfte ein kleiner Sittenskandal nicht fehlen. 1971 war es so weit. Der CSU-Vorsitzende war auf einer Privatreise in New York. In der Nähe seines Hotels am Central Park klauten ihm zwei Prostituierte seine Brieftasche samt Führerschein und Pass. Zu Hause sah sich der Polarisierer aus Bayern schnell in Erklärungsnot. Die Deutsche Presseagentur ließ er wissen: Er habe sich nur noch einmal vor seinem Hotel die Füße vertreten wollen, da hielt ein gelber Wagen mit drei Insassen vor ihm. Eine "Negerin" stieg aus und wollte ihn überreden, mit ins Hotel zu kommen. Eine zweite Frau griff dann "schnell wie eine Wildkatze" in seine Hosentasche. Die New Yorker Polizei teilte der deutschen Öffentlichkeit mit, dass die Kontaktaufnahme durchaus nicht von den beiden Amüsierdamen ausgegangen sei. Den Strauß-Gegnern im Land quoll bei den wortreichen Rechtfertigungsversuchen des Ex-Ministers die Schadenfreude aus den Knopflöchern.
Ähnliches lässt sich dieser Tage wohl bei den Gegnern des Polarisierers Michel Friedman feststellen. Und noch eine Parallele fällt ins Auge: Die Schadenfreude beschränkt sich auf ein zwar breites, aber stilles Grinsen. Heute wie damals gibt es niemanden, der den Skandalprotagonisten in öffentlicher Debatte direkt angreift. Wie bei Strauß' Central-Park-Affäre lauern Vorwurf und Häme zwischen den Zeilen einer vorgeblich objektiven Berichterstattung über die Details der Vorgänge, gestützt auf indiskrete Ermittlungsbehörden.
Der Fall des Frankfurter Multitalents ist in die deutsche Skandalgeschichte schwer einzuordnen. Michel Friedman ist einfaches Mitglied der saarländischen CDU und kein Politiker – und irgendwie ist er als stellvertretender Präsident des Zentralrats eben doch mehr als ein Kollege gleichen Ranges von der EKD. Fernsehmoderator, Partylöwe, Thema der "Bunte"-Kolumne. Der laute Herr Friedman strebt nach Einfluss in Fragen gesellschaftlicher Relevanz und sucht gleichzeitig das grelle Licht des Promi-Laufstegs. Sein Skandal ist entsprechend ein seltsamer Bastard zwischen Polit- und Boulevardaffäre.
Die politische Kultur der Bundesrepublik erwies sich bisher gegen das Genre des Sex-Drogen-Skandals als weitgehend resistent. Konrad Adenauer tat Gerüchte über homosexuelle Neigungen seines Außenministers Heinrich von Brentano gelassen mit den Worten ab: "Was wollen Sie denn, meine Damen und Herren, bei mir hat er es noch nicht versucht." Als Willy Brandt im Wahlkampf mit einem Sonderzug durch die Republik reiste, zerrissen sich die Journalisten den Mund über seine Affären im Kanzlerabteil. In den Zeitungen war über die Kanzleramouren nie etwas zu lesen.
Den Angelsachsen bereitet der Sex ihrer Politiker traditionell größere Probleme als den Kontinentaleuropäern: 1963 wurde der britische Verteidigungsminister Profumo in Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt, weil er Kontakte zu einem Callgirl pflegte, das dummerweise auch den sowjetischen Militärattaché im Königreich zu seinen Kunden zählte. Bill Clinton, dessen promisker Lebensstil seit langem weiteren Kreisen bekannt war als den gut unterrichteten, schrammte nach gentechnisch identifiziertem Spermafleck auf dem Kleid der Praktikantin und beispielloser Schlammschlacht haarscharf an einer Amtsenthebung vorbei. In vielen Bundesstaaten der USA muss ein Gouverneur gar nicht erst zur Wiederwahl antreten, wenn er des Ehebruchs überführt wurde. Die Deutschen schert es wenig, ob ihr Kanzler zum vierten Mal heiratet oder der regierende Bürgermeister von Berlin einen Lebensgefährten hat. Selbst der Verdacht, ein Ministerpräsident habe die Luden seiner Landeshauptstadt vor Razzien gewarnt, reicht nicht zum echten Aufreger. Oskar Lafontaine war in der Saarbrücker Rotlichtaffäre zu keinem Zeitpunkt ernsthaft gefährdet.
Die Geschichte der Bundesrepublik bringt es nur auf zwei handfeste politische Sittenskandale. Im ersten, der Kießling-Affäre, solidarisierte sich die Öffentlichkeit mit dem düpierten General. Verteidigungsminister Manfred Wörner hatte 1983 aufgrund schlampiger Ermittlungen des Militärischen Abschirmdienstes in Kölner Schwulenbars den stellvertretenden Oberbefehlshaber der Nato in Brüssel als Sicherheitsrisiko identifiziert und ohne großen Zapfenstreich vorzeitig in den Ruhestand verabschiedet. Die Vorwürfe stellten sich als nicht haltbar heraus. Wörner musste Kießling rehabilitieren, der politische Schaden lag beim übereifrigen Minister. Den zweiten Sittenskandal beendete der sächsische Innenminister Heinz Eggert 1995 mit einem Rücktritt, bevor er richtig ins Rollen kam. Drei enge Mitarbeiter hatten per eidesstattlicher Erklärung versichert, ihr Chef habe sie am Arbeitsplatz sexuell belästigt.
Keine Frage: Hätte Michel Friedman ein politisches Mandat inne, müsste er bei nachgewiesenem Kokainkonsum und Kontakt zu Mädchen-Schlepperbanden zurücktreten. Doch so wie die Dinge liegen, gewinnt die Sittenaffäre des Semi-Politikers Friedman ihre politische Dimension erst durch die Reaktionen in der Politik. Minister, Fraktionsvorsitzende und Bundestagsabgeordnete von rechts bis links warnen vor Vorverurteilung und antisemitischen Untertönen. Die Menschrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Claudia Roth, hat gar den Eindruck, "dass manche die Vorwürfe zu einer Abrechnung mit dem Judentum nutzen". Abgesehen von anonymen braunen Schmährufen in den Chatforen des Hessischen Rundfunks – die öffentlich-rechtlichen Webmaster kommen kaum nach, diese wieder von den Internetseiten des Senders zu putzen – ist schwer zu erkennen, wen Roth mit "manche" meint. Die öffentliche Debatte ist bislang angenehm frei von antisemitischen Ressentiments. Sie erinnert eher an Diskussionen, die Fehltritten von anderen Prominenten folgten.
Als die Haarprobe von Leverkusen-Trainer Christoph Daum positiv ausfiel, freute das die Bayern-Fans. Die "Bild"-Zeitung spekulierte über die Auswirkungen auf seine Beziehung, wie sie jetzt über Friedmans Verhältnis zu seiner Lebensgefährtin Bärbel Schäfer orakelt. Daum durfte damals die Nationalmannschaft nicht übernehmen, denn die lief sich vor den Spielen mit "Keine Macht den Drogen"-Trainingsjacken warm. Der Beschuldigte tauchte wie Friedman erst einmal für ein paar Wochen unter, "bis sich die Vorwürfe geklärt haben". In zwölf Fällen wurde Kokainkonsum nachgewiesen, das Verfahren des Multimillionärs endete mit Einstellung gegen eine Geldbuße von 10 000 Euro. Aufgeregt hat sich darüber niemand. Bei Friedman könnte es ähnlich laufen.
Auch mit dem "drogenkranken" ("Bild") Liedermacher Konstantin Wecker hatten Öffentlichkeit und Richter eher Mitleid, als dass sie ihn verdammt hätten. Für 1,8 Kilo Kokain im Haus kam er mit 100 000 Mark Geldstrafe und 20 Monaten Bewährung davon. Seine langjährige Sucht milderte die Schuld. Selbst "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein wurde mal beim Koksen erwischt, dennoch erhielt er ein Staatsbegräbnis. Sexaffären prominenter Männer führen in Deutschland ohnehin nicht zur nachhaltigen Rufschädigung. Der Samenraub an Boris Becker in der Besenkammer, Franz Beckenbauers Zeugungsakt auf der Weihnachtsfeier, Olli Kahns Vergnügungen mit dem hübschen "Disco-Luder", während die Ehefrau im Wochenbett liegt: Die Boulevardpresse braucht den Sittenskandal für die Auflage. Die "Bild"-Leser brauchen ihn, um sicher zu sein, dass andere die eigenen Phantasien tatsächlich ausleben. Doch die Halbwertszeit von Boulevardskandalen ist noch geringer als die von politischen. Die Schlagzeilen verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind, die Details sind ohnehin bald vergessen.
Franz Josef Strauß hat die "Central-Park-Affäre" 1971 politisch nicht geschadet. Er war einer von der Sorte Politiker, die Nutzen aus Skandalen ziehen konnten. Rollte nach einem demokratischem Vergehen mal wieder eine Welle der Vorwürfe auf ihn zu, lief er zu rhetorischer Hochform auf. Die Angriffe wurden stets zur Verschwörung der Linken deklariert, getreu dem Motto "Viel Feind, viel Ehr". Er selbst war das Gegenbild des glatten Berufspolitikers, den die Bonner Republik in immer größerer Stückzahl hervorbrachte. Seine Anhänger erwarteten von ihm, dass er undiplomatisch und unberechenbar agierte, und sie stützten ihn, wenn er in Bedrängnis geriet. Auf dem Höhepunkt der "Spiegel"-Affäre 1962 erzielte die CSU bei den Landtagswahlen ihr bis dato bestes Ergebnis.
Michel Friedman ist das Gegenbild des langweiligen Fernsehmoderators, den die duale Fernsehlandschaft in immer größerer Stückzahl hervorbringt. Seine Zuschauer erwarten von ihm undiplomatische Fragen und rhetorische Unberechenbarkeit. Und wie Strauß ist er ein Kämpfertyp. Die gezielten Indiskretionen der Berliner Staatsanwaltschaft nannte sein Anwalt Eckhart Hild gleich zu Anfang der Affäre eine "öffentliche Hinrichtung". Die große Mehrheit derjenigen, die sich in die Diskussion einschalteten, folgten seiner Argumentation. Solidarität und die versteckte Angst, dass Friedman Deutschland den Rücken kehren könnte, dominieren die Beiträge auf dritten Seiten und in den Feuilletons. Siehe Kießling: Ein "Sexskandal" kann schnell zur "Rufmordkampagne" werden. Der Gegenangriff ist programmiert.
Bei seinen Talkgästen hat Michel Friedman nie private Moral infrage gestellt. Entsprechend steckt er auch nicht in der Glaubwürdigkeitsfalle, die ihm die wenigen Gegner, die sich aus der Deckung wagen, zu stellen versuchen. Kaum ein Jurist im Land glaubt noch, dass der Frankfurter Anwalt vorbestraft aus der Affäre geht. Die Wahrscheinlichkeit ist groß: Der unbequeme Frager wird sich nach der ohnehin geplanten Sommerpause – bislang ist gerade mal eine "Vorsicht! Friedman"-Sendung in der ARD ausgefallen – laut und erfolgreich zurückmelden. Für eins waren Skandale in der Geschichte der Bundesrepublik noch immer gut: für hohe Einschaltquoten.
Vom Autor erschien zuletzt: Die großen Polit-Skandale. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik. Frankfurt 2003, Campus Verlag, 240 Seiten, 21,50 EUR.
